Vom Gastarbeiter-Sohn zum Ministerpräsidenten: Cem Özdemir schreibt Geschichte in Baden-Württemberg

Cem Özdemir MdB, Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion
10.03.2026 – 11:00 Uhr

Cem Özdemir, der dienstälteste grüne Politiker Deutschlands, steht vor einem historischen Wechsel auf der politischen Bühne: Nach dem vorläufigen Endergebnis der Landtagswahl in Baden-Württemberg vom 8. März kann der 60-Jährige als erster Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen.

Nach einem intensiven Schlagabtausch mit Friedrich Merz von der CDU gelang es den Grünen, sich gegen ihren konservativen Rivalen durchzusetzen. Laut Hochrechnungen vom Wahlabend erreichte Özdemirs Partei knapp 32 Prozent der Stimmen und verwies die Christdemokraten mit rund 30 Prozent auf den zweiten Platz. Damit krönt Özdemir eine langjährige Karriere, die ihn 1994 als einen der ersten Bundestagsabgeordneten türkischer Abstammung ins Parlament brachte.

Özdemir, der sich selbst als „Schwäbischer Anatole” bezeichnet, führte seine Herkunft und seine Verwurzelung in der Region gezielt als Stärke ins Feld. Als Sohn eines Textilarbeiters und einer Schneiderin in Bad Urach geboren, profitierte er von der Förderung seiner Lehrer und nahm 1983 die deutsche Staatsbürgerschaft an. Dieser persönliche Werdegang, so betonte er im Wahlkampf, stehe für gelungene Integration und Aufstieg durch Bildung.

Seine außenpolitische Expertise, die er unter anderem als Europaabgeordneter (2004–2009) und als Bundesvorsitzender der Grünen (2008–2018) erwarb, spielte im Wahlkampf eine zentrale Rolle. In den Fernsehdebatten vor der Wahl argumentierte Özdemir, dass seine Kontakte und Erfahrungen dem Land, Heimat von Weltkonzernen wie Porsche und Mercedes-Benz, dabei helfen könnten, wirtschaftliche Herausforderungen – etwa durch mögliche US-Zölle unter Präsident Donald Trump – zu meistern.

Der Wahlsieg ist auch ein persönlicher Triumph über den 37-jährigen CDU-Herausforderer Manuel Hagel, der trotz eines engagierten Wahlkampfs nicht die Bekanntheit seines Gegenübers erreichen konnte. Für Özdemir, der zuletzt als Bundeslandwirtschaftsminister in der Regierung von Olaf Scholz diente, bedeutet der Erfolg in Baden-Württemberg den vorläufigen Höhepunkt einer politischen Laufbahn, die 1965 im beschaulichen Bad Urach begann.