Wenige Monate vor dem UN-Klimagipfel COP31 in der Türkei hat der türkische Umwelt- und Klimaminister Murat Kurum eine grundlegende Neuausrichtung der globalen Klimakooperation gefordert. Die für November in Antalya geplante Konferenz müsse den Beginn einer neuen Ära markieren, in der das Prinzip „Niemand wird zurückgelassen” im Zentrum stehe, so Kurum am Montag in Berlin.
Zum Auftakt des 17. Petersberger Klimadialogs, der zur Vorbereitung des Gipfels dient, betonte der Minister, dass sich angesichts sich überlagernder globaler Krisen multilaterale Zusammenarbeit nicht länger als Option, sondern als zwingende Notwendigkeit erweise. Die jüngsten Verwerfungen auf den Energiemärkten hätten zudem gezeigt, dass fossile Brennstoffe keinesfalls gleichbedeutend mit Versorgungssicherheit sind.
Investitionsschub bei Erneuerbaren als türkisches Pfund
Um seine Glaubwürdigkeit als designierter COP-Präsident zu untermauern, legte Kurum Zahlen zur Energiewende seines Landes vor. Demnach hat die Türkei ihre Produktion aus erneuerbaren Energien in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Seit 2022 seien mehr als zehn Milliarden Dollar in den Sektor geflossen, bis 2030 würden weitere 20 Milliarden Dollar angestrebt. Die Ausbaupläne sehen vor, bis 2035 jährlich mindestens acht Gigawatt neue Kapazität aus erneuerbaren Energien hinzuzufügen. Bemerkenswert ist zudem, dass die Türkei seit der Energiekrise im Jahr 2022 mehr Energiespeicherkapazität genehmigt hat als alle EU-Staaten zusammen.
Neun-Punkte-Plan für Antalya und Druck auf Industriestaaten
Kurum skizzierte neun Schwerpunktbereiche für die türkische Präsidentschaft. Diese reichen von der Förderung der Kreislaufwirtschaft und industriellen Dekarbonisierung über den Schutz der Ozeane und Ökosysteme bis hin zu klimaresilienten Städten und einer stärkeren Einbindung der Jugend. Ein zentrales Anliegen ist zudem die Sicherung der globalen Nahrungsmittelversorgung durch eine widerstandsfähigere Landwirtschaft.
Mit Blick auf die stockenden Finanzverhandlungen erneuerte der Minister den Appell an die Industriestaaten, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Er forderte eine deutliche Stärkung des Grünen Klimafonds sowie des neuen Fonds zur Bewältigung von Verlusten und Schäden. Kurum rief alle Akteure dazu auf, sich an der „Baku-Belém-Roadmap” zu orientieren. Diese verfolgt das Ziel, bis 2035 jährlich 1,3 Billionen Dollar an Klimafinanzierung für Entwicklungsländer zu mobilisieren.
Ungewöhnliche Ko-Präsidentschaft mit Australien
Der Gipfel in Antalya findet unter einer besonderen Konstellation statt: Während die Türkei die Konferenz vom 9. bis 20. November 2025 ausrichtet, führt Australien aufgrund einer vereinbarten Partnerschaft die formellen Verhandlungen. Kurum betonte die enge Abstimmung beider Länder und ihre gemeinsame Vision für den Gipfel.
Erdbeben-Wiederaufbau als Modellprojekt
Im Kontext klimaresilienter Städte verwies Kurum auf die türkische Wiederaufbauleistung nach den verheerenden Erdbeben vom Februar 2023 und betonte, dass die dabei gewonnenen Erfahrungen beim Bau erdbebensicherer und nachhaltiger Strukturen international geteilt werden sollten. Nach offiziellen Angaben wurden im Katastrophengebiet bereits mehr als 455.000 Wohneinheiten an die Betroffenen übergeben.