Die Inflationserwartungen in der Türkei haben sich deutlich verschlechtert und entfernen sich immer weiter von den offiziellen Zielen der Zentralbank. Laut der am 15. Mai veröffentlichten monatlichen Umfrage der türkischen Notenbank unter Finanzmarktteilnehmern kletterte die Prognose für die Verbraucherpreisinflation zum Jahresende 2026 sprunghaft auf 28,94 Prozent.
Im vorherigen Erhebungszeitraum hatte dieser Wert noch bei 27,53 Prozent gelegen. Auch die kurz- und mittelfristigen Erwartungen verschlechterten sich: Die Inflationsprognose für die kommenden zwölf Monate stieg von 23,39 auf 23,82 Prozent, während die Vorhersage für den 24-Monats-Horizont von 18,02 auf 18,43 Prozent anzog.
Die Verschlechterung der Marktstimmung folgt unmittelbar auf die überarbeiteten Inflationsprognosen der Zentralbank selbst. Deren Gouverneur Fatih Karahan hatte am 14. Mai bei der Vorstellung des zweiten Inflationsberichts des Jahres in Istanbul die Jahresendprognose für 2026 auf 26 Prozent angehoben. Als Hauptgründe nannte er kriegsbedingt steigende Energiepreise, höhere Transportkosten und globale Unsicherheit.
Karahan skizzierte einen verlängerten Kampf gegen die Geldentwertung: Die Inflationsrate soll demnach erst Ende 2027 auf 15 Prozent und Ende 2028 auf 9 Prozent sinken, bevor sie sich mittelfristig beim Ziel von 5 Prozent stabilisiert. Die zwischenzeitlichen Ziele für 2026, 2027 und 2028 wurden demnach auf 24, 15 und 9 Prozent revidiert, da „außergewöhnliche geopolitische Entwicklungen” erhebliche Anpassungen der Annahmen erforderlich machten.
Die tatsächliche Teuerung liegt weiterhin auf hohem Niveau. Karahan bezifferte die jährliche Verbraucherinflation im April auf 32,4 Prozent. Besonders alarmierend ist, dass die jährliche Energieinflation innerhalb von nur zwei Monaten um 19 Prozentpunkte auf 47 Prozent gestiegen ist – vor allem getrieben durch die Preise für Öl und Erdgas. Der Notenbankchef räumte ein, dass die Inflationserwartungen nicht so stark gesunken seien wie erhofft und über den Prognosen der Bank lägen. Mögliche Zweitrundeneffekte durch die geopolitischen Entwicklungen stellten ein zentrales Risiko dar. Die Prognosen der Bank gehen nun von einer längeren Phase straffer Geldpolitik aus als zuvor angenommen.
Neben den Inflationsdaten offenbart die Umfrage vom 15. Mai auch einen wachsenden Pessimismus in Bezug auf Wachstum und Währung. Die Teilnehmer senkten ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im Jahr 2026 von 3,5 auf 3,3 Prozent. Die Wachstumserwartung für 2027 blieb hingegen unverändert bei 4,1 Prozent.
Zudem rechnen die Marktakteure mit einer schwächeren Lira: Die Wechselkurserwartung für den US-Dollar zum Jahresende stieg von 51,23 auf 51,57 Lira. Für den Horizont von zwölf Monaten kletterte die Prognose sogar noch deutlicher von 53,62 auf 54,69 Lira.