Die anhaltenden Schwierigkeiten bei der Vergabe von Schengen-Visa verändern das Reiseverhalten türkischer Staatsbürger grundlegend. Angesichts langer Wartezeiten und administrativer Hürden in Europa weichen Urlauber zunehmend auf Reiseziele in Asien und auf dem Balkan aus. Wie aus aktuellen Daten des Türkischen Statistischen Instituts (TÜİK) hervorgeht, reisten im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 6,37 Millionen Bürgerinnen und Bürger ins Ausland – ein deutlicher Anstieg im Vergleich zum Vorjahr.
Der Trend zeigt klar nach Osten: So zog die Nachfrage nach Reisen nach Südkorea um 50 Prozent an und Japan verzeichnete laut Prontotour-Chef Ali Onaran sogar einen sprunghaften Anstieg der Verkäufe um 70 Prozent. Auch exotischere Destinationen wie die Malediven und Sansibar legten um rund 25 Prozent zu. „Japan ist nach seinen Tourismusförderungsmaßnahmen zu einem globalen Trend geworden”, erklärte Onaran. Auffällig ist die Verschiebung hin zu unkomplizierten Einreisebestimmungen. Visa-freie Reiseziele machten laut Onaran bereits 60 Prozent des Gesamtumsatzes aus.
Die Reisebranche bestätigt den Trend zur Bürokratievermeidung. Mehmet Kamçı, der General Manager von Coral Travel Türkiye, betonte, dass der Anteil visumfreier Destinationen in diesem Jahr erheblich gewachsen sei. Mit einem Anteil von 20 Prozent am Gesamtumsatz erwiesen sich die Balkanländer als die beliebteste Route, während Italien mit zwölf Prozent die Spitzenposition bei Reisen mit Visumspflicht behauptet. „Die europäische Nachfrage besteht weiterhin, aber Fernstrecken wie Japan und Südkorea gewinnen aufgrund des besseren Preis-Leistungs-Verhältnisses an Boden“, so Kamçı.
Neben den Visa-Problemen scheinen auch geopolitische Verwerfungen zur Routenverschiebung beizutragen. Branchenquellen verweisen auf regionale militärische Konflikte, die Reisende in Richtung Balkan und Fernost umlenken. Mustafa Kemal Çubuk, stellvertretender General Manager von TatilBudur, unterstreicht die entscheidende Rolle der Visabeschaffung: „Im Mittelpunkt stehen die griechischen Inseln, der Balkan und Thailand, doch die Verzögerungen im Schengen-Raum beeinflussen die Reiseplanung massiv – trotz anhaltendem Interesse an Italien und Spanien.“
Für Reisende, die den Sprung nach Asien wagen möchten, locken derzeit vergleichsweise moderate Einstiegspreise. Basierend auf einem Aufenthalt von sechs Nächten pro Person beginnen Pauschalreisen nach Japan bei 130.000 Türkischen Lira (ca. 3.250 US-Dollar), nach Südkorea bei 102.000 Lira, nach Sri Lanka bei 70.000 Lira und nach Bangkok bei 48.000 Lira.
Die anhaltend langen Wartezeiten bei der Beantragung von Schengen-Visa zwingen die türkischen Reiseveranstalter zunehmend dazu, ihre Kataloge umzustrukturieren. Statt europäischer Metropolen stehen nun verstärkt asiatische Länder und Nachbarstaaten mit vereinfachten Einreiseformalitäten im Fokus der Angebote.