Ungeachtet eines schwierigen europäischen Marktumfelds und steigender heimischer Energiekosten hält die türkische Stahlindustrie an ihren ambitionierten Exportzielen für das Jahr 2026 fest. Laut dem Stahlexporteur-Verband (ÇİB) wird derzeit nicht mit einer Abweichung von der Prognose von 20 Millionen Tonnen Exportvolumen und einem Ausfuhrwert von 17 Milliarden US-Dollar gerechnet.
Selçuk Yılmaz, Vorstandsmitglied des Prüfungsausschusses der ÇİB, betonte in einem Interview mit der Tageszeitung Milliyet, dass der Sektor aktiv daran arbeite, mögliche Rückgänge auf dem europäischen Markt durch eine verstärkte Diversifizierung in alternative Absatzmärkte zu kompensieren. Hierzu finden derzeit verstärkt Handelsdelegationsreisen statt.
Auch im vergangenen Jahr behauptete die Türkei ihre führende Position in der Region. Mit einer Rohstahlproduktion von 38 Millionen Tonnen im Jahr 2025 belegt das Land weltweit den siebten Platz und innerhalb Europas den ersten. Das Exportvolumen erreichte dabei 19 Millionen Tonnen.
Yılmaz sieht die geografische Nähe zu den Abnehmern in der Europäischen Union als entscheidenden Wettbewerbsvorteil. „Eine Lieferung erreicht europäische Häfen von hier aus in etwa 48 Stunden. Bei Wettbewerbern wie Indien, Vietnam oder Taiwan dauert der reine Seetransport dagegen in der Regel zwischen 25 und 30 Tagen“, erklärte der Verbandsvertreter. Die Türkei sei für die EU stets ein „sicherer Hafen”. Qualitativ habe sich das Land sowohl bei Flach- als auch bei Langstahlprodukten bewährt. „Wir sind in der Lage, schnell zu entscheiden, qualitativ hochwertig zu produzieren und Material extrem kurzfristig an unsere europäischen Kunden zu liefern.“
Trotz dieser positiven Aussichten sieht sich die Branche wachsendem Druck auf der Kostenseite ausgesetzt. Yılmaz verwies auf die jüngsten Erhöhungen der Preise für Industriestrom und Erdgas, welche die Produktionskosten spürbar in die Höhe trieben. Um diese Belastung abzufedern, gewinnen demnach Investitionen in die grüne Transformation an Bedeutung.
Im Einklang mit dem Ziel, bis 2050 klimaneutral zu wirtschaften, bezieht die türkische Stahlindustrie bereits heute 15 bis 20 Prozent ihres Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen, insbesondere aus Solarenergie.