Türkische Industrie unter Druck: Rohstoffpreise wegen Nahost-Konflikt drastisch gestiegen

12.05.2026 – 7:00 Uhr

Der eskalierende Konflikt im Nahen Osten und die damit verbundenen geopolitischen Spannungen an der strategisch wichtigen Straße von Hormus belasten die türkische Industrie zunehmend. Seit dem Ausbruch des Iran-Krieges Ende Februar verzeichnen Hersteller dramatische Preissprünge bei petrochemischen Rohstoffen. Das stürzt die Produktion im Land in eine tiefe Krise.

Wie Vertreter der Kunststoffindustrie berichten, sind die Preise für bestimmte Rohstoffe seit Kriegsbeginn um 70 bis 80 Prozent gestiegen. In der Folge verteuerten sich Endprodukte um mindestens 30 Prozent, mit steigender Tendenz. Die Betriebe sehen eine rasche Lösung des Konflikts als zwingende Voraussetzung, um eine Erholung überhaupt einleiten zu können.

Die Branche warnt vor einer wachsenden Verwundbarkeit der heimischen Industrieproduktion. Die Auswirkungen werden täglich sichtbarer: Die Rohstoffpreise steigen rasant, die Lieferzeiten dehnen sich aus und die Unsicherheit in den Lieferketten vertieft sich zusehends. Türkische Produzenten sehen sich zunehmend gezwungen, teure Lagerbestände aufzubauen, was den finanziellen Druck auf die Unternehmen massiv erhöht. Insider sprechen bereits von einem erheblichen „Hormus-Druck“ auf die türkische Wirtschaft.

Ömer Karadeniz, der Präsident des Dachverbandes der Kunststoffindustrie (PLASFED), malte ein düsteres Bild der Lage: „Energie, Logistik und Rohstoffströme werden alle durch denselben engen Korridor gequetscht. Das löst unweigerlich Kettenreaktionen aus und hat schwerwiegende Konsequenzen für die gesamte Volkswirtschaft.“ Die Industrie kämpfe nicht mehr nur mit steigenden Kosten, sondern sehe sich auch elementaren Risiken für die Versorgungssicherheit gegenüber. Dies stelle eine kritische Schwelle für eine nachhaltige Produktion dar. Karadeniz forderte daher dringend strategische Maßnahmen, darunter die rasche Aktivierung alternativer Lieferwege und eine gezielte Stärkung der heimischen Produktionskapazitäten. „In einer Phase erhöhter globaler Fragilität müssen wir alles daransetzen, unsere Abhängigkeit von externen Quellen zu reduzieren“, so Karadeniz.

Yavuz Eroğlu, der Präsident des türkischen Kunststoffindustrieverbandes PAGEV, warnte noch drastischer vor einem Dominoeffekt: „Sollten die Lieferengpässe anhalten und den Unternehmen der Vorrat ausgehen, wird sich die Rohstoffknappheit bald flächendeckend auf die Fertigprodukte ausweiten.“ Eroğlu identifizierte den Verpackungssektor als das anfälligste Glied in der Kette: „Ein Mangel im Verpackungsbereich würde unmittelbar zahlreiche andere Industrien in Mitleidenschaft ziehen.“

Die düsteren Aussagen der Branchenvertreter decken sich mit den neuesten Konjunkturdaten. Der von der Industriekammer Istanbul (İSO) erhobene Einkaufsmanagerindex für die türkische Industrie (PMI) fiel im April auf 45,7 Punkte – ein deutlicher Rückgang gegenüber 47,9 Zählern im März. Dies markiert die stärkste Verschlechterung der Geschäftslage seit September 2024 und die Produktion der türkischen Hersteller schrumpfte demnach so schnell wie seit der Hochphase der Corona-Pandemie nicht mehr. Damit zieht sich die aktuelle Abschwungphase der türkischen Industrie bereits durch den 25. Monat in Folge.