Türkische Bushersteller weiten autonome Fahrprojekte auf Europa und USA aus

09.06.2026 – 6:35 Uhr

Während über deutsche Autohersteller diskutiert wird, baut die Türkei ihre Position als Hotspot für autonome Busse massiv aus. Nahezu unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit bringen türkische Hersteller ihre fahrerlosen Elektrobusse in atemberaubendem Tempo auf die Straßen der USA und Europas und machen dem etablierten Wettbewerb zunehmend Konkurrenz.

Wie der Automobilexperte Levent Köprülü von der Tageszeitung Milliyet berichtet, gewinnt das Land als einer der führenden Busproduktionsstandorte Europas im Segment des autonomen öffentlichen Nahverkehrs rasant an Bedeutung. Neben globalen Herstellern drängen nun verstärkt einheimische Marken mit lokal entwickelten Modellen und fortschrittlicher Mobilitätstechnologie auf die Exportmärkte.

Besonders hervorzuheben ist der Hersteller Karsan. Das Unternehmen hat in den USA gerade den autonomen Betrieb seiner elektrischen Minibusse aufgenommen. In Kooperation mit den Technologiepartnern ADASTEC und Damera sowie dem Mobilitätsdienstleister Beep nahm ein selbstfahrender e-JEST am 5. Juni in Atlanta den Passagierbetrieb auf. Im Rahmen des Pilotprojekts „ATL Spoke“, dem ersten seiner Art in der Stadt, verkehrt der Bus kostenlos zwischen der MARTA-West-End-Station und dem Atlanta BeltLine Southwest Trail. Die Strecke soll die Anbindung an Gesundheitseinrichtungen, Restaurants und Bildungsstätten verbessern und später bis zum Atlanta University Center verlängert werden. Bereits seit 2021 betreibt Karsan einen Level-4-Bus, den „Autonomous e-ATAK“, im regulären Straßenverkehr.

Doch Karsan ist nicht der Einzige. Auch Otokar setzt auf die europäische Karte und hat seinen autonomen Stadtbus e-Centro mit Level-4+-Fähigkeiten in Madrid in Dienst gestellt. Im Rahmen des EU-Projekts „Mobilities for EU“ werden auf dem Gelände von Mercamadrid, dem größten Fisch- und Lebensmittelgroßmarkt der Stadt, nun Passagiere fahrerlos befördert. Der Bus hatte zuvor ein hartes Prüfprogramm durchlaufen. In Ungarn testete der TÜV Rheinland das Fahrzeug in 148 verschiedenen Szenarien und führte über 600 autonome Fahrtests durch. Spanien ist damit das erste europäische Land, das auf Otokars autonome Fahrtechnologie im öffentlichen Verkehr setzt.

Auch Anadolu Isuzu treibt die Entwicklung voran. Gemeinsam mit dem auf autonome Fahrsysteme spezialisierten Start-up Leo Drive hat der Hersteller seinen 8-Meter-Elektrobus Novociti Volt in eine Level-3-Plattform umgewandelt und bereits Straßentests absolviert. Der Automobilhersteller Temsa arbeitet ebenfalls bekanntermaßen an Projekten im autonomen Mobilitätssektor.

Die Offensive der türkischen Busindustrie zeigt: Während sich die Debatte um autonomes Fahren mancherorts im Kreis dreht, ist die Technologie auf der Straße längst Realität. Die Hersteller vom Bosporus positionieren sich dabei nicht nur als Produzenten, sondern zunehmend auch als globale Systemanbieter für die Mobilität von morgen.