Sinkende Rohölpreise und eine sich aufhellende Inflationsperspektive schüren an der türkischen Börse die Erwartung einer spürbaren Erholung in der zweiten Jahreshälfte. Marktexperten sehen insbesondere in den zuletzt unter Druck geratenen Sektoren Potenzial, warnen jedoch vor überhitzten Einzelwerten.
Nach Monaten geopolitischer Anspannung und hartnäckig hoher Energiekosten hellt sich die Stimmung unter den Anlegern in Istanbul auf. Die vorläufige Entspannung zwischen den USA und dem Iran sowie die allmähliche Normalisierung des Tankerverkehrs in der Straße von Hormus haben den Ölpreis sinken lassen und damit eine zentrale Belastung für die türkische Wirtschaft gelindert.
Die zuvor anhaltend hohen Ölpreise hatten den Inflationsdruck verstärkt und die türkische Zentralbank zu einer straffen Geldpolitik gezwungen. Die Erwartung von Zinssenkungen wurde durch die regionalen Konflikte immer wieder nach hinten verschoben, während die Finanzierungskosten für Unternehmen zeitweise über dem Leitzins von 37 Prozent lagen. Nun signalisieren die rückläufigen Energiepreise und verbesserte Inflationsdaten eine mögliche Trendwende.
Onur Can Bal, stellvertretender Leiter von Gedik Investment, betonte, dass die geopolitischen Risiken zwar zurückgegangen, aber noch nicht vollständig verschwunden seien. Der Markt werde genau beobachten, ob ein dauerhafter Frieden erreicht werden könne. Wenn neue Eskalationen ausbleiben, hält Bal eine Senkung des einwöchigen Repo-Satzes auf 37 Prozent in den nächsten ein bis zwei Monaten für möglich. Für das Schlussquartal des Jahres werden zudem Zinsschritte von 100 bis 200 Basispunkten prognostiziert.
Diese geldpolitischen Perspektiven dürften den Aktienmarkt stützen und zu einer stärkeren Performance in jenen Branchen führen, die zwischen März und Juni 2026 besonders unter Druck standen. Dazu zählt Bal vor allem Banken, Holdings, Telekommunikation, Bergbau und Luftfahrt. Mit Blick auf die Portfolioallokation rät er Anlegern zu einer selektiven Titelauswahl und empfiehlt eine Aufteilung in 30 Prozent Aktien, 50 Prozent festverzinsliche Lira-Instrumente, zehn Prozent Gold und zehn Prozent internationale Aktien.
Auch Cemal Demirtaş, stellvertretender Forschungsdirektor bei Ata Investment, sieht in den fallenden Ölpreisen den potenziellen Wegbereiter für einen neuen Zinssenkungszyklus. Zwar würden viele für die türkische Wirtschaft bedeutende Unternehmen weiterhin zu attraktiven Bewertungen gehandelt, der Experte warnt jedoch eindringlich vor spekulativen Übertreibungen. „Ich halte es für schwierig, die Rally bei einigen Werten im Leitindex BIST 30 zu rechtfertigen”, so Demirtaş. Zwar zeige die Konjunktur Erholungssignale und die Bedingungen könnten sich weiter verbessern, solche Anomalien in bestimmten Aktien seien jedoch besorgniserregend für die zukünftige Stabilität des Marktes.