Die türkische Bekleidungsindustrie will sich neu aufstellen und künftig nicht mehr über den Preis, sondern über hochwertige und nachhaltige Produktion konkurrieren. Mustafa Paşahan, der Vorsitzende des Istanbuler Bekleidungsexporteur-Verbands (İHKİB), erklärte bei der Vorstellung einer neuen Branchen-Roadmap, dass das Land im Billiglohnsektor nicht länger mit asiatischen Staaten mithalten könne. Stattdessen setze man auf eine Doppel-Transformation: digital und ökologisch.
Milliarden-Exporte und Hunderttausende Jobs als Fundament
Der Sektor gilt als strategisch bedeutend für die türkische Wirtschaft. Mit einem Exportvolumen von 16,8 Milliarden US-Dollar und einem Handelsüberschuss von zwölf Milliarden US-Dollar allein im Jahr 2025 untermauert die Branche ihre Relevanz. Insgesamt beschäftigt sie nach Verbandsangaben 493.000 Menschen, 55 Prozent davon sind Frauen. Paşahan betonte, dass bereits Gespräche mit Ministerien über höhere sektorspezifische Förderungen liefen. Eine Bewilligung dieser Forderungen könnte der Industrie kurzfristig neuen Schub verleihen.
Das Ende der Massenware: Europa als Treiber des Wandels
Hintergrund dieser strategischen Neuausrichtung ist der fundamentale Wandel der europäischen Lieferketten und Regularien. Laut Paşahan bewegt sich der Hauptabsatzmarkt Europa hin zu langlebigen, intelligenten Produktionsmodellen. Künftige Vorschriften werden es verbieten, überschüssige Lagerbestände einfach zu vernichten. Dadurch verlagert sich die Nachfrage von großen Bestellmengen hin zu schnellen, kontrollierten und flexiblen Produktionen. „Wer schnell und flexibel ist, wird gewinnen – und genau hier setzen wir an. Wir werden uns als zentraler Bestandsproduzent profilieren”, erklärte der İHKİB-Chef. Die Branche sei zudem in der Lage, Kreislaufkonzepte wie die Wiederverwertung von importierter Gebrauchtkleidung und Rücknahmeprozesse zu managen. Das Ziel ist die Produktion von weniger, aber qualitativ hochwertigeren und langlebigeren Kleidungsstücken. „Wir wollen die Adresse für Luxus, Geschwindigkeit und Qualität werden“, unterstrich Paşahan.
Eigene Marken statt anonymer Produktion
Als zentralen Schwachpunkt identifizierte der Verband die mangelnde Sichtbarkeit türkischer Marken. Qualitätsproduktion allein reiche nicht aus, die Branche müsse „fesselnde Geschichten“ erzählen. Ein neu gegründetes Marken-Komitee soll den Aufbau einer globalen Wahrnehmung für „Turkish Apparel“ vorantreiben – mittels aggressiver internationaler Werbe- und Kommunikationskampagnen sowie eines direkten Zugangs zu Einkäufern auf der ganzen Welt.
Forderung nach handelspolitischem Masterplan
Zugleich fordert der Verband von der Politik einen entschlosseneren Einsatz handelspolitischer Instrumente. Paşahan verlangte einen Masterplan, der die Realitäten des Welthandels widerspiegelt. Ziel müsse es sein, die potenziell negativen Auswirkungen der Freihandelsabkommen der EU mit Indien und den MERCOSUR-Staaten abzufedern. Zudem müsse sichergestellt werden, dass der Bekleidungssektor im Regelwerk „Made in EU“ verankert bleibt.