Die Ratingagentur S&P Global Ratings schätzt die Risiken im türkischen Bankensektor als beherrschbar ein. Regina Argenio, Direktorin für Finanzinstitute bei S&P Global Ratings, sagte am Rande der in Istanbul stattfindenden Konferenz „Türkiye Sermaye Piyasaları Konferansı 2026″, dass das Land zwar einer Reihe globaler wirtschaftlicher und regionaler Schocks ausgesetzt sei. Die Risiken seien erheblich. Fortschritte bei der Inflationssenkung und eine bessere Wirtschaftsaussicht als zu Beginn des Nahost-Kriegs hätten jedoch dazu beigetragen, dass die Situation als beherrschbar eingestuft wird.
S&P hatte eigenen Angaben zufolge kürzlich erneut die Länderrisikobewertung für den Bankensektor (Banking Industry Country Risk Assessment, BICRA) für die Türkei bestätigt. Argenio äußerte sich im Rahmen der Veranstaltung, die Investoren, Emittenten, Unternehmen und Finanzinstitute zusammenbringt, um die Aussichten der türkischen Wirtschaft und der Kapitalmärkte zu erörtern.
Augenmerk auf Auslandsverschuldung
Argenio zufolge beobachtet die Agentur genau, ob die Banken ihre erheblichen Auslandsschulden weiterhin refinanzieren können. Störungen in diesem Bereich könnten problematisch werden. Positiv bewertet S&P die im vergangenen Jahr erfolgte vollständige Rücknahme aller Stundungsmaßnahmen. Sollte sich die Stabilität künftig weiter festigen, seien auch positive Entwicklungen denkbar.
Kredite könnten bei lockerer Geldpolitik zulegen
Derzeit erschweren die hohen Realzinsen eine Ausweitung des Kreditvolumens, weshalb die Kredite zurückgingen, so Argenio. Bei einer Lockerung der Geldpolitik und sinkenden Zinsen könnte sich dies im kommenden Jahr verbessern, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen sowie Privatkunden, die die hohen Finanzierungskosten nur schwer tragen können. Genau hier sieht S&P laut Argenio ein potenzielles Risiko für die künftige Asset-Qualität des Sektors.
Die Ratingagentur erwartet für das kommende Jahr eine Verbesserung der Nettozinsmargen. Niedrigere Zinsen dürften sich relativ schnell in günstigeren Finanzierungskosten für den türkischen Bankensektor in Lira niederschlagen. Die Finanzierungskosten in Fremdwährung könnten hingegen aufgrund der Zinsentwicklung im Ausland steigen. Das Ergebnis hängt daher vom Zeitpunkt und Umfang der Zinssenkungen sowie vom Erfolg des Desinflationsprogramms ab.
Sollte die Inflation nachhaltig sinken und das Vertrauen in die Wirtschaft wachsen, könnte dies laut Argenio zu stärkerem Wachstum und einem widerstandsfähigeren wirtschaftlichen Umfeld führen. Dies würde zu spürbaren Verbesserungen bei der Asset-Qualität sowie, real gerechnet, bei der Profitabilität und der Eigenkapitalrendite führen. Nominal seien zwar Rückgänge möglich, real gehe es bei richtiger Entwicklung jedoch aufwärts.
Fondsermittlungen: „Politische Reaktion war sehr stark”
Zu den Ermittlungen gegen Fonds in der Türkei sagte Argenio, S&P halte die Auswirkungen für begrenzt, sofern es sich um ein Einzelproblem handele. Die politische Reaktion sei sehr stark gewesen und die dem Bankensektor bereitgestellte Liquidität habe dabei geholfen, die Folgen einzudämmen. Ob und wie sich dies auf die Kosten der Auslandsverschuldung auswirkt, sei noch zu früh zu sagen. Grundsätzlich erwarte S&P wegen der internationalen Zinsentwicklung höhere Auslandskreditzinsen. Auch eine höhere Risikoprämie für türkische Schuldner sei denkbar – abhängig davon, wie schnell die Lage unter Kontrolle gebracht und intern gemanagt werde.