Angesichts drohender Preissprünge im Zuge der geopolitischen Spannungen im Nahen Osten haben Verbraucher in der Türkei ihre Autokäufe deutlich vorgezogen. Während die Hersteller aufgrund steigender Energie- und Logistikkosten unvermeidliche Preisaufschläge für Mai und Juni signalisieren, verzeichnete der Handel im April eine spürbare Wiederbelebung der Nachfrage.
Cengiz Eroldu, der Vorsitzende der türkischen Automobilhersteller-Vereinigung OSD, erklärte, die aktuellen Turbulenzen im Iran sowie die daraus resultierenden höheren Ölpreise und Frachtraten hätten die Kostenstruktur der Branche derart belastet, dass Preisanpassungen unausweichlich seien. Diese Entwicklung sei den Konsumenten bewusst, so Eroldu. „Die Wahrnehmung des Automobils als stabiles Investitionsgut führt in der Türkei zu einem anderen Kaufverhalten als in Europa. Anstatt bei Unsicherheit den Konsum einzustellen, ziehen die Käufer ihre Entscheidungen vor, um erwarteten Preiserhöhungen zuvorzukommen“, analysierte der Verbandschef die Situation.
Diese Sonderstellung des Automobils als vermeintlich inflationssicherer Hafen bescherte den Händlern zu Beginn des zweiten Quartals eine unerwartet hohe Kundenfrequenz. Eroldu betonte, dass der März trotz des Kriegsumfelds in der Region nicht schlecht abgeschlossen habe und der April mit erneuter Dynamik in den Verkaufsräumen begonnen habe.
Produktion und Exporte im Sinkflug – Ausblick eingetrübt
Parallel zur kurzfristigen Belebung im Inland trübt sich das Gesamtbild der türkischen Automobilindustrie jedoch ein. So schloss das erste Quartal mit einem Produktionsrückgang von sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Noch deutlicher fiel der Einbruch bei den Ausfuhren aus. Die Exporte sanken um 15 Prozent. Als Hauptursache identifizierte Eroldu einen Rückgang der Pkw-Fertigung um 18 Prozent. Dieser sei jedoch als temporärer Effekt im Rahmen laufender Neuinvestitionen und Modellwechsel zu werten.
Trotz des Produktionsrückgangs verzeichnete die Branche einen Anstieg des Lokalisierungsgrads um vier Prozentpunkte auf nunmehr 35 Prozent. Dies ist ein Indiz für die Wirksamkeit der getätigten Investitionen. Die Kapazitätsauslastung der Werke blieb unterdessen bei durchschnittlich 60 Prozent. Schwächen bei leichten Nutzfahrzeugen wurden dabei durch eine Stabilisierung im Segment der Lastwagen, Busse und Kleinbusse teilweise kompensiert. Die Hersteller streben eine Auslastung zwischen 65 und 70 Prozent bis zum Jahresende an.
Prognose für 2026 bereits revidiert
Der anhaltende Gegenwind durch globale Unsicherheiten zwingt die Branche jedoch zu einer pessimistischeren Sicht auf das laufende Jahr. Die OSD korrigierte ihre Erwartungen deutlich nach unten. Demnach wird für das Gesamtjahr 2026 mit einem Rückgang der Exporte um vier Prozent und einem Minus in der Gesamtproduktion um zwei Prozent gerechnet.
Konkret erwartet der Verband, dass die Ausfuhren bis Dezember eine Stückzahl zwischen 970.000 und 1,04 Millionen Fahrzeugen erreichen werden. Das gesamte Produktionsvolumen im Land wird in einer Spanne von 1,34 bis 1,42 Millionen Einheiten prognostiziert.