Die Türkei möchte sich mithilfe massiver öffentlicher und privater Investitionen als regionale Drehscheibe für Rechenzentren positionieren. Angesichts der rasanten Entwicklung von Künstlicher Intelligenz, Cloud-Computing und digitalen Diensten hat die Regierung in Ankara ein ambitioniertes Ziel ausgegeben. Bis 2030 soll die installierte Kapazität der Rechenzentren im Land auf mindestens ein Gigawatt anwachsen.
Das Vorhaben ist Teil einer neuen nationalen Strategie für künstliche Intelligenz. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan kündigte an, dass mindestens 10 Milliarden Dollar mobilisiert werden sollen, die vornehmlich aus der Privatwirtschaft stammen sollen. Ergänzt wird dieses Engagement durch öffentliche Mittel: Industrieminister Mehmet Fatih Kacır bezifferte die staatliche Anschubfinanzierung auf rund drei Milliarden Dollar, um private Investitionen in gleicher Höhe anzustoßen. Zudem sollen künftig mindestens zwei Prozent der öffentlichen Investitionsprogramme in Projekte der Künstlichen Intelligenz fließen.
Die strategische Bedeutung dieses Sektors reicht weit über digitale Dienste hinaus. Behördenvertreter betonen, dass Rechenzentren zunehmend entscheidend für die Energiepolitik, die Industriestrategie und die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Landes sind. Die Nachfrage nach Hochleistungsrechnern und enormen Strommengen wird durch das Training komplexer KI-Modelle zusätzlich befeuert.
Internationale Konzerne reagieren bereits auf die Politik der Regierung. So planen der türkische Telekommunikationsriese Turkcell und Google Cloud gemeinsam den Bau einer hyperskalierbaren Cloud-Region. Das Investitionsvolumen für dieses Projekt beträgt drei Milliarden Dollar, wovon Google zwei und Turkcell eine Milliarde Dollar tragen sollen. Künftig sollen von der Türkei aus Cloud-Computing, Datenspeicherung und Cybersicherheitsdienste bereitgestellt werden.
Auch Vodafone Türkiye und der Immobilienentwickler DAMAC haben den Bau eines Rechenzentrums in Izmir angekündigt, während Vodafone parallel dazu die Kapazitäten seines Standorts in Ankara ausbaute. Der Festnetzanbieter Türk Telekom erprobt derweil die Flüssigkeits-Tauchkühlung, um den enormen Energieverbrauch bei der Kühlung großer Serverfarmen zu reduzieren.
Um die Ansiedlung von Rechenzentren gezielt zu steuern, setzt die Regierung auf ihr Hochtechnologie-Förderprogramm HIT-30, das Steuererleichterungen, Energiezuschüsse und Zuschüsse zu Beschäftigungskosten vorsieht. Ziel dieser Anreize ist es, Investitionen aus den Metropolen in strukturschwächere Regionen mit günstigeren Betriebskosten zu lenken.
Ein besonders unkonventionelles Projekt wird in Kappadokien diskutiert. In der Provinz Nevşehir prüfen Behörden die Umwandlung alter, in den Fels gehauener Kühlhäuser in Rechenzentren. Die natürlichen Kühleigenschaften der Höhlen könnten den ohnehin hohen Energiebedarf der Anlagen signifikant senken.
Aufgrund ihrer Lage an der Schnittstelle zwischen Europa, Asien und dem Nahen Osten sowie des Ausbaus der Energieinfrastruktur sieht sich die Türkei im sich rasant ausweitenden globalen Markt für Rechenzentren in einer strategisch günstigen Ausgangsposition.