Die türkische Tourismusbranche rechnet aufgrund der Nahost-Spannungen mit spürbaren Rückgängen bei internationalen Gästen, setzt jedoch auf den robusten Binnenmarkt als Puffer. Firuz Bağlıkaya, der Präsident des Reiseveranstalterverbands TÜRSAB, erklärte, eine Abschwächung sei vor allem bei Reisen und Buchungen aus Europa zu erwarten. Das genaue Ausmaß hänge von der Dauer und dem Verlauf des Konflikts ab.
Bağlıkaya schätzt, dass die erwartete Nachfragedelle aus Europa zu einer gewissen Entspannung bei Hotel-, Unterkunfts- und Reisepreisen führen könnte. Zugleich würden die Beherbergungsbetriebe versuchen, ihre freien Kapazitäten verstärkt mit einheimischen Urlaubern zu füllen. Einen bedeutenden Zustrom von Reisenden aus dem Nahen Osten und dem Iran hält Bağlıkaya kurzfristig für unrealistisch. Er sieht jedoch keine größeren Probleme auf dem russischen Markt.
Mögliche Verluste im Sektor sollen nach seinen Worten durch Binnentourismus und alternative Märkte so weit wie möglich aufgefangen werden. „2026 wird eine Saison der Last-Minute-Buchungen”, prognostiziert Bağlıkaya. „Ich erwarte keinen massiven Gesamtverlust für den Tourismus. Ausfälle werden durch alternative Märkte kompensiert.“
Trotz gestiegener Kosten in Fremdwährung sieht Bağlıkaya die Türkei preislich im Vorteil gegenüber Massentourismus-Zielen wie Großbritannien, Deutschland und Griechenland. Steigende Preise dürften Reisende kaum von einer Entscheidung für die Türkei abhalten. Das Land profitiert zudem von einer breiten Angebotsvielfalt – von Bergsteigen und Golf über Ski- und Badeurlaub bis hin zu Gesundheits- und Kulturreisen.
Bağlıkaya räumte ein, dass die anhaltenden Nahost-Spannungen dennoch negative Ausstrahlungseffekte auf die Branche haben könnten. Zugleich warnte er vor wachsender Konkurrenz: Groß angelegte Investitionen an der Mittelmeerküste – wie das NEOM-Projekt Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate – könnten dem türkischen Massentourismus langfristig ernsthaft Marktanteile streitig machen.
Als markantes Versäumnis identifizierte der Verbandschef das weitgehende Fehlen einer touristischen Infrastruktur für konservativere Reisende. Bislang beschränke sich dieses Segment weitgehend auf die Provinz Afyonkarahisar und nur wenige Strandhotels richteten sich überhaupt an diese Klientel, häufig ohne durchgängig geeignete bauliche Konzepte. Bağlıkaya forderte daher gezielte Vorschriften in der Tourismusplanung, um Investitionen für diese Zielgruppe zu fördern. Ein solcher Schritt könnte auch erhebliche Besucherströme aus dem Nahen Osten anziehen.