Die Türkei hat einen neuen Koordinierungsrat eingerichtet, um die Abwicklung von 131 Investmentfonds zu beschleunigen und die Auszahlung der betroffenen Anleger voranzutreiben. Den Vorsitz des „Fonds-Koordinierungsrats“ übernimmt Vizepräsident Cevdet Yılmaz. Das teilte die Kommunikationsdirektion am 29. September mit.
Die Einrichtung des Gremiums folgt auf ein Treffen von Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit seinem Wirtschaftsteam und den Spitzen mehrerer Aufsichtsbehörden in Ankara. Ziel sei es, die Liquidation der betroffenen Fonds unter Wahrung der Rechte der Anleger möglichst schnell zu koordinieren.
Mehr als 455.000 Anleger betroffen
Die türkische Kapitalmarktaufsicht SPK hatte am 17. September die Liquidation von 131 Fonds angeordnet, die von sieben Portfolioverwaltungsgesellschaften verwaltet werden. Nach Angaben der SPK sind insgesamt 455.758 einzelne Anleger betroffen. Die Zahl basiert auf den Daten des Zentralen Wertpapierregisters MKK; Anleger, die in mehreren betroffenen Fonds investiert sind, werden dabei nur einmal gezählt.
Für die betroffenen Fonds wurde der Liquidationszeitraum inzwischen von drei auf sechs Monate verlängert. Die Frist stellt allerdings keine zwingende Wartezeit dar: Je nach Marktbedingungen kann die Abwicklung auch früher abgeschlossen werden.
Auszahlungen richten sich nach Vermögen und Liquidität
Bei dem Treffen mit Erdoğan stellte die SPK einen Fahrplan für die Auszahlung der Anleger vor. Demnach sollen diejenigen Investoren Zahlungen erhalten, deren Ansprüche bereits abgeglichen und bestätigt wurden. Der Zeitpunkt und Umfang der Auszahlungen hängen vom vorhandenen Fondsvermögen und der jeweiligen Liquidität ab.
Eine konkrete Auszahlungfrist für alle Anleger wurde bislang nicht genannt. Die Erlöse aus dem Verkauf von Vermögenswerten und fälligen Anlagen sollen entsprechend den jeweiligen Fondsanteilen an die Anleger verteilt werden.
Die Abwicklung der betroffenen Fonds übernehmen zwei Banken: Die Türkiye İş Bankası ist für die Fonds von Tera Portföy zuständig, die Ziraat Bankası für die Fonds von Pusula, Hedef, Atlas, A1 Capital, Pardus und Bulls Portföy.
Weitere Untersuchungen angekündigt
Auf Anweisung Erdoğans hat zudem der Staatliche Aufsichtsrat (DDK) eine Untersuchung der jüngsten Vorgänge auf dem Kapitalmarkt eingeleitet. Dabei sollen sowohl die Transaktionen der Investmentfonds als auch die entsprechenden Aufsichtsprozesse geprüft werden.
Die Behörden kündigten darüber hinaus weitere rechtliche und administrative Maßnahmen an, um die Kontrolle der Kapitalmärkte zu stärken und ähnliche Probleme künftig zu verhindern.
Nach Angaben der Kommunikationsdirektion wurde Erdoğan außerdem über die geplante Übertragung der Sparfinanzierungsunternehmen Katılımevim und Birevim sowie der İktisat Katılım Bank an die Türkiye Emlak Katılım Bank informiert.
Kommunikationsdirektor Burhanettin Duran erklärte unterdessen, die Probleme beträfen nur einen begrenzten Teil des Fondsmarktes und stellten kein Risiko für das gesamte Finanzsystem dar. Verantwortliche würden unabhängig von ihrer Position zur Rechenschaft gezogen, kündigte er an.
Ermittlungen gegen Fondsmanager und Geschäftsleute
Parallel zur Abwicklung laufen strafrechtliche Ermittlungen im Zusammenhang mit den Fonds. Im Zuge der Untersuchungen wurden bereits Vermögenswerte beschlagnahmt. Dazu gehören fünf Villen in Ankara mit einem Gesamtwert von rund 1,2 Milliarden türkischen Lira. Die Ermittler bringen die Immobilien, die auf andere Personen eingetragen waren, mit Pusula-Portföy-Chef Muhammed Yarız und Pusula-Holding-Chef Serdar Turhan in Verbindung. Beide befinden sich in Untersuchungshaft.
Gegen den Geschäftsmann Cengiz Avcı wurde zudem ein Haftbefehl erlassen. Er soll sich im Ausland aufhalten. Die Ermittler werfen ihm vor, innerhalb eines Jahres durch Geschäfte mit Aktien des Unternehmens Odine Solutions rund 15 Milliarden Lira verdient und etwa 12 Milliarden Lira davon in Bargeld umgewandelt und aus dem Kapitalmarkt abgezogen zu haben. Seine Bankkonten, Immobilien und weitere identifizierte Vermögenswerte wurden nach Behördenangaben beschlagnahmt.
Die Vorwürfe sind Gegenstand laufender Ermittlungen und damit noch nicht abschließend gerichtlich festgestellt.