Türkei lockt internationale Investoren mit umfassenden Steuererleichterungen

08.05.2026 – 7:00 Uhr

Die Türkei rüstet sich für den globalen Wettlauf um Kapital und Köpfe: Mit einem beispiellosen Steuerpaket will die Regierung in Ankara internationale Tech-Giganten, Exporteure sowie vermögende Privatpersonen ins Land locken. Ein Gesetzentwurf sieht Steuerbefreiungen von bis zu 100 Prozent über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten vor.

Finanzminister Mehmet Şimşek bestätigte am späten Montagabend im Sender TRT Haber, dass der Vorschlag ins Parlament eingebracht wurde. Ziel sei es, die Türkei zu einem globalen Zentrum für „hochwertige Finanzierung” zu machen und gezielt nicht-schuldenbildendes Kapital anzuziehen. Führende Technologieunternehmen wie Google, Microsoft und Apple sollen dazu bewegt werden, ihre regionalen Hauptquartiere im Land anzusiedeln.

Herzstück der geplanten Reform ist der Ausbau des Istanbul Financial Centers (IFM) zu einer internationalen Drehscheibe. Demnach sollen Dienstleistungszentren, die sich dort ansiedeln und mindestens 80 Prozent ihrer Einkünfte im Ausland erwirtschaften, für 20 Jahre vollständig von der Körperschaftssteuer befreit werden. Für Firmen, die sich außerhalb des IFM in der Türkei niederlassen, gilt demnach ein Steuerrabatt von 95 Prozent.

Auch den lukrativen Transithandel hat die Regierung ins Visier genommen. Bislang wird dieser vor allem von Drehkreuzen wie den Niederlanden und Hongkong dominiert. Künftig soll er über das IFM jedoch komplett körperschaftssteuerfrei sein. Außerhalb des Zentrums sind 95 Prozent Steuerbefreiung vorgesehen. „Das wird nicht über Nacht Wirkung zeigen, aber mittel- bis langfristig wird es die Türkei zu einem wichtigen Handelsknotenpunkt machen”, erklärte der Finanzminister.

Zur Stärkung der industriellen Basis sieht der Gesetzentwurf drastische Senkungen der Steuersätze für Exporteure vor. Während der allgemeine Körperschaftssteuersatz bei 25 Prozent liegt, soll er für produzierende Exporteure auf neun Prozent und für andere exportorientierte Firmen auf 14 Prozent sinken. Laut Şimşek soll damit das Außenhandelsdefizit verringert und die exportbasierte Produktion gefördert werden.

Neben Konzernen nimmt die Regierung auch hochqualifizierte Fachkräfte und vermögende Privatpersonen ins Visier. Ausländische und einheimische Experten, deren Gehälter das Vier- bis Sechsfache des Mindestlohns betragen, sollen deutliche Einkommenssteuererleichterungen erhalten. Für Privatpersonen, die ihren Wohnsitz in die Türkei verlegen und ihr Kapital ins Land bringen, ist eine 20-jährige Steuerbefreiung auf alle im Ausland erzielten Einkünfte geplant.

Im Gegensatz zu früheren Vermögensamnestien müssen die Gelder jedoch für eine bestimmte Dauer im türkischen Finanzsystem verbleiben. Das Präsidialamt erhält die Befugnis, die Steuersätze je nach Haltedauer der Anlagen in türkischen Banken oder Staatsanleihen zwischen 0 und 10 Prozent festzulegen. „Wenn Sie etwas in der Türkei verdienen, besteuern wir es. Aber wenn Sie das, was Sie im Ausland verdient haben, in die Türkei bringen, wird es nicht besteuert”, stellte Şimşek klar.

Der Minister zeigte sich überzeugt, dass das Paket rasche Ergebnisse liefern werde. Mehrere Großkonzerne hätten bereits „ernsthaftes Interesse” signalisiert. Der Gesetzentwurf muss nun vom Parlament beraten und verabschiedet werden.