Türkei: Citi und Commerzbank erwarten Leitzinssenkung um 100 Basispunkte

10.10.2026 – 7:00 Uhr

Nach dem überraschend deutlichen Rückgang der türkischen Inflationsrate erwarten zwei internationale Großbanken, dass der Geldpolitische Ausschuss der Türkischen Zentralbank (TCMB) bei seiner Sitzung am 22. Oktober den Leitzins um 100 Basispunkte senken wird.

Laut dem türkischen Statistikamt TÜİK sank die jährliche Verbraucherpreisinflation im September auf 29,73 Prozent nach 31,51 Prozent im August. Damit fiel die Teuerungsrate erstmals seit 2021 unter die Marke von 30 Prozent. Der monatliche Preisauftrieb lag mit 1,84 Prozent unter den Markterwartungen. Auch der Kerninflationsindex C ging im Jahresvergleich auf 28,70 Prozent zurück. Auf ihrer Sitzung am 10. September hatte die TCMB den Leitzins bei 37 Prozent unverändert gelassen.

Commerzbank: „Geeigneter Boden” für Zinssenkung

Der leitende Ökonom für Schwellenländer bei der Commerzbank, Tatha Ghose, äußerte sich eindeutig: Die Inflationsdaten für September hätten einen geeigneten Boden für eine erneute Lockerung der Geldpolitik geschaffen. Dieses Bild bilde den perfekten Hintergrund für eine Zinssenkung um 100 Basispunkte auf der Sitzung am 22. Oktober. Die Bank weist jedoch darauf hin, dass die monatlichen Preissteigerungen noch nicht vollständig zum Erliegen gekommen sind. Die Senkung werde daher als erleichternde Maßnahme gewertet, wobei die Risiken für die türkische Lira im Vordergrund stünden.

Citigroup erwartet Leitzins von 35 Prozent zum Jahresende

Die Citigroup-Ökonomen İlker Domaç und Gültekin Işıklar prognostizieren ebenfalls eine Senkung um 100 Basispunkte. Die Bank erwartet einen Leitzins von 35 Prozent zum Jahresende. Für Ende 2026 rechnen sie mit einer jährlichen Inflationsrate von rund 30 Prozent – leicht über dem Septemberwert, aber unter den für Ende September 2026 prognostizierten 30,9 Prozent.

Gleichzeitig warnten die Ökonomen der Citigroup, dass die Verlangsamung der Inflation begrenzt bleiben dürfte. Die gedämpfte Nachfrage habe nur eine begrenzte inflationssenkende Wirkung. Dies deute darauf hin, dass der Schock eher angebotsseitig als konjunkturell bedingt sei und die türkische Inflationsproblematik struktureller Natur sei. Diese Einschätzung deutet auf mittelfristige statt kurzfristige Hindernisse für den Lockerungsprozess hin.

Lira unter Druck

Besonders bemerkenswert ist die Einschätzung der Commerzbank zur türkischen Lira: Trotz Interventionen profitiere die Währung nicht nachhaltig von der positiven Inflationsüberraschung. Sollte der Zinssenkungsprozess beginnen und die Inflation im weiteren Jahresverlauf wieder an Dynamik gewinnen, könnte der Druck auf die Lira bestehen bleiben. Nach einer Senkung würde der Leitzins auf 36 Prozent sinken, während die Inflation im September bei 29,73 Prozent lag. Daraus ergibt sich ein realer Leitzins von 6,27 Prozentpunkten – die höchste reale Rendite der vergangenen zwölf Monate.

TCMB-Präsident Fatih Karahan erklärte, die Abflüsse aus Geldmarktfonds flössen größtenteils in Einlagen. „Wir sehen kein Problem, das das Finanzsystem insgesamt betrifft”, sagte Karahan.

USD/TRY bleibt zentraler Beobachtungspunkt

Für türkische Anleger bleibt das Währungspaar USD/TRY ein kritischer Beobachtungspunkt. Eine – wenn auch schrittweise – Fortsetzung der Zinssenkungen dürfte die reale Rendite der Lira gegenüber der Inflation verringern. Dies stützt die Nachfrage nach Absicherungsinstrumenten wie Deviseneinlagen und Gold. Da Zinssenkungen die Einlagenkosten senken und die Kredit-Einlagen-Margen ausweiten könnten, wird für Bankaktien ein begrenzt positiver Effekt erwartet. Der Wechselkursdruck auf die Lira könnte diesen Effekt jedoch dämpfen.

Die Sitzung des geldpolitischen Ausschusses am 22. Oktober dürfte den Leitzins bei Bestätigung der Erwartungen von 37 auf 36 Prozent senken. Im Fokus der Märkte steht jedoch die Formulierung im Entscheidungstext, denn die Signalwirkung der TCMB für Tempo und Umfang weiterer Senkungen ist entscheidend – insbesondere vor dem Hintergrund der Frage, ob die Inflation im Schlussquartal wieder anziehen wird.