Die finanzielle Schieflage der Türkei gegenüber dem Ausland hat sich im zweiten Quartal dieses Jahres deutlich verschärft. Wie aus aktuellen Daten der türkischen Zentralbank vom 20. August hervorgeht, ist die Nettoauslandsposition (IIP) des Landes auf ein Rekordminus von 402,6 Milliarden US-Dollar angestiegen. Im Vorquartal hatte der Negativwert noch bei 372 Milliarden Dollar gelegen.
Die Nettoauslandsposition ergibt sich aus der Differenz zwischen den gesamten finanziellen Vermögenswerten und den gesamten finanziellen Verbindlichkeiten eines Landes. Die neuen Zahlen offenbaren eine gefährliche Scherenbewegung: Während die Auslandsaktiva der Türkei zum Ende Juni um 1,7 Prozent auf 404,0 Milliarden US-Dollar schrumpften, kletterten die Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland gleichzeitig um drei Prozent auf 806,7 Milliarden US-Dollar.
Reserven der Zentralbank schmelzen weiter ab
Besonders brisant ist, dass die Währungsreserven der türkischen Notenbank im selben Zeitraum einen weiteren Rückgang verzeichneten. Die Reserveaktiva fielen um 2,2 Prozent auf 147,4 Milliarden US-Dollar. Dies schwächt die Fähigkeit Ankaras, die heimische Lira im Falle von Turbulenzen an den Devisenmärkten zu stützen.
Auch bei den Direktinvestitionen im Ausland zeigt sich ein gemischtes Bild. Zwar stiegen die türkischen Direktinvestitionen im Ausland um 3,2 Prozent auf 81,2 Milliarden US-Dollar, doch brachen die Portfolioinvestitionen (Wertpapieranlagen) um elf Prozent auf 9,1 Milliarden US-Dollar ein. Die sonstigen Investitionen sanken um 2,7 Prozent auf 163,6 Milliarden Dollar.
Ausländische Anleger ziehen bei Aktien an
Auf der Passivseite, also den Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland, stiegen vor allem die ausländischen Bestände an türkischen Aktien und Investmentfondsanteilen deutlich an. Die Zentralbank verzeichnete hier einen Anstieg um 14,6 Prozent auf 49,7 Milliarden Dollar. Dies deutet darauf hin, dass ausländische Investoren trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten verstärkt auf türkische Aktien setzen.
Dennoch bleibt die Gesamtbilanz düster. Die Direktinvestitionen von Ausländern in der Türkei – also langfristige und als stabil geltende Engagements – sanken hingegen um 0,6 Prozent auf 231,5 Milliarden US-Dollar. Die als volatiler geltenden Portfolioinvestitionen ausländischer Anleger in der Türkei legten hingegen um 8,8 Prozent auf 154,8 Milliarden Dollar zu, während die sonstigen Verbindlichkeiten um 2,9 Prozent auf 413,4 Milliarden Dollar anwuchsen.
Diese Daten unterstreichen die anhaltende Verwundbarkeit der türkischen Volkswirtschaft. Trotz einer jüngsten wirtschaftspolitischen Kehrtwende hin zu einer orthodoxeren Geldpolitik kämpft die Türkei weiterhin mit einem massiven Außenfinanzierungsdefizit.