S&P sieht Türkei-Inflation bei 30,9 Prozent – Lira-Vertrauen bleibt überraschend stabil

22.10.2026 – 6:30 Uhr

Die Ratingagentur S&P Global Ratings rechnet für die Türkei in diesem Jahr mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 30,9 Prozent. Für das kommende Jahr prognostiziert die Agentur einen Rückgang auf 21,7 Prozent. Dies geht aus der aktuellen Türkei-Analyse des Instituts hervor. Als wesentlichen Risikofaktor nennt S&P den Energieschock infolge des Krieges im Nahen Osten, der die Teuerung zusätzlich nach oben treiben könnte.

Trotz dieser Belastungen bewertet S&P die Widerstandsfähigkeit der türkischen Wirtschaft als vergleichsweise robust. Das Vertrauen der privaten Haushalte in die Landeswährung Lira sei im Jahresverlauf stabil geblieben. So habe sich der Anteil der Fremdwährungseinlagen an den gesamten Bankeinlagen im September mit 38,7 Prozent auf dem Niveau des Jahresbeginns bewegt. Die gesunkene Nachfrage nach Devisen ermöglichte es der Zentralbank (TCMB), ihre Währungsreserven teilweise wieder aufzustocken.

Auch die Folgen der im September eingeleiteten Untersuchung gegen mehrere Investmentfonds blieben nach Einschätzung der Agentur begrenzt. Zwar haben erzwungene Vermögensverkäufe zu einer deutlichen Korrektur am Aktienmarkt und zur Auflösung von Fonds im Volumen von rund 18 Milliarden US-Dollar geführt. Die rasche Liquiditätsbereitstellung durch die Zentralbank und differenzierte regulatorische Maßnahmen verhinderten jedoch eine finanzielle Ansteckung. Die Mittelabflüsse seien überwiegend in Lira-Einlagen statt in Devisen geflossen – ein Hinweis darauf, dass die Fondskrise keinen breiten Vertrauensverlust gegenüber der Landeswährung ausgelöst hat.

Für das Wirtschaftswachstum erwartet S&P in diesem Jahr 3,0 Prozent nach 3,7 Prozent im Vorjahr. Damit liegt die Prognose um 0,4 Prozentpunkte unter der früheren Schätzung der Agentur. Dies wird auf die Auswirkungen des Nahost-Krieges zurückgeführt. Für 2027 rechnet S&P wieder mit einem Anstieg auf 3,7 Prozent.

Das Haushaltsdefizit dürfte sich in diesem Jahr von zuletzt 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf knapp drei Prozent ausweiten. Die öffentliche Verschuldung soll der Prognose zufolge unter 30 Prozent des BIP bleiben und damit auf niedrigem Niveau verharren. Im April bestätigte die Ratingagentur die Kreditwürdigkeit der Türkei mit „BB-/B” und beließ den Ausblick auf „stabil”. Die für den 16. Oktober erwartete turnusmäßige Bewertung ließ das Institut aus.

Ein stabiler Ausblick setzt laut S&P voraus, dass die Behörden an ihrer restriktiven Geld- und Lohnpolitik festhalten und die Devisenreserven nicht weiter aufzehren. Unter diesen Bedingungen sei die türkische Wirtschaft in der Lage, den anhaltenden Energieschock zu verkraften.