Die eskalierende Gewalt im Nahen Osten und die anhaltende Blockade der Handelsrouten durch die Straße von Hormus hinterlassen auch in der türkischen Wirtschaft erste Spuren. Während einige Branchen bereits einen Rückgang der Aufträge aus den Kriegsgebieten verzeichnen, wittern andere angesichts steigender Kosten in Europa neue Chancen. Die Lage sei derzeit von großer Unsicherheit geprägt, berichten führende Vertreter des türkischen Exportsektors.
Ahmet Fikret Kileci, Vizepräsident der Türkischen Exporteursversammlung (TİM), zog Parallelen zur Pandemie: „Dieser Krieg hat ein ähnliches Bild geschaffen.” „Dieser Krieg hat ein ähnliches Bild geschaffen”, sagte Kileci. Er betonte, dass sich Phasen großer Verwerfungen für die Türkei in Chancen verwandeln ließen, wenn umsichtig gehandelt werde. Zwar sei zunächst mit einem Rückgang der Bestellungen aus Europa zu rechnen, doch die geostrategische Lage der Türkei biete langfristig Vorteile. „Die logistischen und geopolitischen Vorteile der Türkei bringen sie vor die Konkurrenz“, so Kileci. Mit der Zeit könnten nicht nur mehr, sondern auch lukrativere Aufträge nach Ankara fließen. Besonders betroffen von der Krise sind zunächst energieintensive Branchen wie die Petrochemie und die Verpackungsindustrie. Derzeit verfolgten viele Exporteure eine Politik des „Abwartens”.
Die geografische Nähe zu den Konfliktherden und gleichzeitig zu den europäischen Märkten könnte sich für die türkische Wirtschaft als Trumpf erweisen. Melisa Tokgöz Mutlu, die Vorsitzende des Obst- und Gemüsesektors bei TİM, sieht insbesondere bei frischen Produkten großes Potenzial. Zwar seien die Frachtkosten gestiegen, doch die Nachfrage nach Nahrungsmitteln werde nicht versiegen. „Wir erwarten eine erhöhte Nachfrage aus der Europäischen Union”, sagte Mutlu. Sie verwies auf die einzigartigen Land- und Schienenverbindungen der Türkei nach Europa. „Produkte, die sonst aus Ägypten oder dem Fernen Osten bezogen werden, können wegen der Frachtvorteile leichter von uns bezogen werden”, argumentierte sie. Während andere Lieferanten auf See- oder Luftfracht angewiesen sind, kann die Türkei ihre Waren auf dem Landweg in die EU bringen.
Nicht alle Branchen teilen diesen Optimismus. Mustafa Paşahan, Vizepräsident des Istanbuler Bekleidungsexporteursverbands (İHKİB), sieht für seine Branche kaum Vorteile. Zwar seien die Auswirkungen noch nicht im gesamten Sektor spürbar, doch Unternehmen, die den Nahen Osten als Absatzmarkt haben, verzeichneten bereits Auftragsrückgänge. „Dieses Umfeld wird für die Bekleidungsindustrie keine Chancen schaffen. Und wenn doch, wären sie nur vorübergehender Natur“, schränkt Paşahan ein.
Zur Vorsicht mahnt auch Adil Pelister, der Vorsitzende des Chemie- und Chemieprodukte-Exporteursverbands (İKMİB). Er warnte davor, dass steigende Energiekosten die Produktionsausgaben direkt in die Höhe trieben und die Wettbewerbsfähigkeit schmälern würden. „Die Verkaufspreise können nicht so schnell steigen wie die Energiekosten“, erklärte Pelister. Dies führe zu sinkenden Gewinnmargen und könne in der Branche zu Versorgungsengpässen führen. Eine verlässliche Einschätzung der Auftragslage sei derzeit verfrüht.