OECD senkt Wachstumsprognose für die Türkei – Naher Osten bleibt Unsicherheitsfaktor

08.06.2026 – 6:30 Uhr

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat ihre Wachstumsprognose für die türkische Wirtschaft im Jahr 2026 gesenkt. Wie aus dem am Donnerstag in Paris veröffentlichten Konjunkturausblick hervorgeht, rechnet die Organisation nun mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3,1 Prozent. Im März waren noch 3,3 Prozent prognostiziert worden. Die Prognose für das Jahr 2027 beließ die OECD hingegen unverändert bei 3,8 Prozent.

Als Belastungsfaktoren identifiziert der Bericht vor allem die anhaltend hohen Energie- und Rohstoffpreise. Unter den derzeit straffen finanziellen Bedingungen dürften sie die Binnennachfrage dämpfen. Positiv wird hingegen vermerkt, dass eine gegen Jahresende erwartete Verbesserung des Verbrauchervertrauens sowie antizipierte Zinssenkungen Konsum und Investitionen stützen könnten.

Im Zuge des fortschreitenden Desinflationsprozesses erwartet die OECD, dass die jährliche Teuerungsrate in der Türkei in der ersten Hälfte des Jahres 2027 unter die Marke von 20 Prozent fallen wird. Als zentrales Risiko für diese Entwicklung gelten jedoch eine mögliche Eskalation der Spannungen im Nahen Osten und der daraus resultierende Preisdruck.

Der Bericht unterstreicht die Notwendigkeit, an der straffen Geldpolitik festzuhalten, um die Inflationserwartungen zu senken. Zudem wird betont, dass künftige Zinserhöhungen nicht ausgeschlossen werden dürfen. Trotz der Belastung durch steigende Energiepreise sieht die OECD die Türkei in einer vergleichsweise geschützten Position, da der Großteil der Importe von Öl, Gas und Düngemitteln nicht aus der unmittelbaren Krisenregion am Persischen Golf stammt. Verwundbar bleibt die türkische Wirtschaft jedoch durch die Nachfrageschwäche in Europa und die starke Konkurrenz Chinas auf Drittmärkten, besonders im verarbeitenden Gewerbe.

Krieg lastet auf der Weltwirtschaft – Zwei Szenarien entworfen

Parallel zur Länderanalyse zeichnet die OECD ein düsteres Bild der globalen Konjunktur. Unter dem Leitthema „Unter Druck“ warnt der Bericht, dass ein Krieg zwischen den USA/Israel und dem Iran die Widerstandskraft der Weltwirtschaft auf eine harte Probe stellen würde. Aufgrund der großen Unsicherheiten bezüglich Dauer und Ausmaß des Konflikts stellt die Organisation erstmals zwei alternative Szenarien vor.

Im „Szenario begrenzter Unterbrechung“ geht die OECD davon aus, dass sich die Energieproduktion und der Handel in der Golfregion ab dem dritten Quartal 2026 schrittweise normalisieren. In diesem Fall würde das globale Wachstum von 3,4 Prozent im Jahr 2025 auf 2,8 Prozent im Jahr 2026 abrutschen, um 2027 wieder auf 3,1 Prozent anzusteigen. In den G20-Staaten würde die Inflation demnach im Jahr 2026 auf 4,0 Prozent steigen, um dann im Jahr 2027 auf 3,1 Prozent zu sinken.

Deutlich drastischer fällt das „Szenario einer langanhaltenden Störung” aus. Sollte bis weit in das Jahr 2027 hinein kein Frieden erreicht werden und die Produktionsausfälle im Energiesektor fortbestehen, droht der Weltwirtschaft ein Einbruch. Für 2026 wird dann nur noch ein Wachstum von 2,1 Prozent prognostiziert, für 2027 sogar nur noch 1,8 Prozent. Diese Abkühlung könnte viele Volkswirtschaften in eine Rezession treiben und die Arbeitslosigkeit erhöhen. In diesem Fall könnte die Inflation 2027 um 1,3 Prozentpunkte steigen, woraufhin viele Notenbanken die Leitzinsen um 50 bis 75 Basispunkte anheben müssten.