Die Pläne der Europäischen Union für eine schärfere „Made in EU“-Strategie sorgen in der türkischen Wirtschaft für wachsende Unruhe. Ein neuer Gesetzesentwurf, der die europäische Produktion in strategischen Schlüsselbranchen massiv stärken soll, könnte für türkische Zulieferer, die seit Jahrzehnten fest in europäische Wertschöpfungsketten eingebunden sind, zu einem kostspieligen Problem werden.
Das geplante Regelwerk namens „Industrial Accelerator Act“ zielt darauf ab, die Abhängigkeit der EU von China in sensiblen Bereichen wie sauberen Technologien, Automobilbau, Batteriefertigung, Stahl, Chemie und kritischen Rohstoffen drastisch zu reduzieren. Kern des Vorhabens ist, dass der Zugang zu öffentlichen Aufträgen, staatlichen Beihilfen und bestimmten Förderprogrammen künftig strikt an lokale europäische Wertschöpfungsanforderungen geknüpft wird.
Für die Türkei, die über die seit fast drei Jahrzehnten bestehende Zollunion eng mit den Produktionsnetzwerken der EU verflochten ist, steht dabei eine entscheidende Frage im Raum: Werden in der Türkei gefertigte Produkte künftig als europäisch anerkannt – oder droht der Ausschluss aus dem begehrten „Made in EU“-Rahmen?
Zwar sieht der Entwurf grundsätzlich die Möglichkeit vor, türkische Produktion unter bestimmten Bedingungen als europäisch einzustufen. Türkische Wirtschaftsvertreter warnen jedoch, dass dies im Wesentlichen nur den Status quo zementieren würde, anstatt den Unternehmen neue Vorteile zu verschaffen. Ein vollständiger Ausschluss türkischer Erzeugnisse aus dem Präferenzsystem hätte dagegen weitreichende Konsequenzen. Türkische Firmen würden im Wettbewerb um Anreize und öffentliche Aufträge gegenüber EU-Konkurrenten massiv benachteiligt.
Ein solcher Schritt wäre laut Experten nicht nur für türkische Produzenten schädlich. Auch europäische Unternehmen, die auf Zulieferungen aus der Türkei angewiesen sind, müssten mit höheren Kosten und geschwächten Lieferketten rechnen.
Als besonders anfällig gilt die Automobilindustrie. Die Türkei ist einer der großen Fahrzeugproduktionsstandorte des Kontinents und ein unverzichtbarer Lieferant für globale Hersteller. Mehmet Ali Yalçındağ, der Vorsitzende des Türkiye-Europe Business Council beim Außenwirtschaftsforum DEİK, betonte, dass die Branche von den neuen Regeln in besonderem Maße betroffen sei. Es gehe längst nicht mehr nur um die reine Fahrzeugfertigung, sondern um ein ganzes Spektrum an Zukunftstechnologien – von Batteriesystemen und Halbleitern über kritische Rohstoffe und Software bis hin zu KI-gestützten Produktionsverfahren und Energieeffizienz.
Yalçındağ verwies auf die Rolle der Türkei als Schlüsselpartner Europas bei der grünen und digitalen Transformation. Das Land verfügt über eine breite Zuliefererbasis, Ingenieurskapazität, ein wachsendes Ökosystem für Elektrofahrzeuge und Investitionen in kohlenstoffarme Produktion. „Es ist eine strategische Notwendigkeit, dass in der Türkei hergestellte Produkte ohne Quoten, Hindernisse oder zusätzliche Barrieren in das europäische Industrieökosystem integriert werden”, mahnte er.
Ein Ausschluss würde nicht nur türkische Unternehmen treffen, sondern auch EU-Firmen, die in der Türkei investieren, sowie europäische Hersteller, die Waren aus der Türkei beziehen. Dies würde die Kosten erhöhen und die Wettbewerbsfähigkeit der EU-Industrie im globalen Vergleich schwächen.
Yalçındağ richtete sich an Brüssel und forderte die EU auf, statt neuer Hürden die Modernisierung der Zollunion und die Entwicklung gemeinsamer Industriepolitiken in den Fokus zu rücken.