Neue CO₂-Regeln setzen türkische Industrie unter Druck

01.09.2026 – 6:30 Uhr

Türkei vor großem industriellen Umbau: Mit dem geplanten Emissionshandelssystem (ETS) soll der CO₂-Ausstoß der Schwerindustrie deutlich sinken. Für Unternehmen aus Bereichen wie Stahl, Zement, Chemie, Glas und Keramik bedeutet das neue Vorgaben – aber auch die Chance, ihre Produktion klimafreundlicher und international wettbewerbsfähiger zu machen.

Die entsprechende ETS-Verordnung wurde vergangene Woche im türkischen Amtsblatt veröffentlicht. Sie schafft den rechtlichen Rahmen für einen nationalen CO₂-Markt und legt fest, wie das Emissionshandelssystem künftig funktionieren soll.

Ziel der Regierung ist es, Unternehmen zu einer Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen zu bewegen, den Einsatz emissionsarmer Technologien zu beschleunigen und die grüne Transformation der türkischen Wirtschaft voranzutreiben.

CO₂ wird zum Kostenfaktor

Für die betroffenen Industrieanlagen kommen neue Pflichten hinzu. Sie müssen ihre Emissionen überwachen, melden und überprüfen lassen. Anschließend müssen sie entsprechende Emissionszertifikate für die nachgewiesenen CO₂-Emissionen abgeben.

Seyit Ardıç, Präsident der Industriekammer von Ankara, sieht darin einen wichtigen Schritt für die türkische Wirtschaft.

CO₂ werde mit dem neuen System nicht mehr nur als Umweltkennzahl betrachtet, sondern zunehmend zu einem wirtschaftlichen Faktor, der Produktionskosten, Investitionsentscheidungen und die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen beeinflusse.

Direkt betroffen sind unter anderem die Energiebranche, Eisen- und Stahlindustrie, Aluminiumproduktion, Zement- und Kalkindustrie, Glas und Keramik, Papier und Zellstoff sowie bestimmte Bereiche der Chemie- und Wasserstoffproduktion.

Über Lieferketten könnten die Auswirkungen jedoch auch andere Branchen wie Maschinenbau, Automobilindustrie sowie Elektro- und Elektronikunternehmen erreichen.

Besonders kleine Unternehmen brauchen Unterstützung

Ardıç fordert deshalb einen verlässlichen Zeitplan für die Einführung des Systems sowie ausreichende Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen müssten bei der Umstellung unterstützt werden, da ihnen die zusätzlichen Kosten besonders zu schaffen machen könnten.

Die Einführung des Emissionshandels soll zugleich dazu beitragen, türkische Unternehmen auf die zunehmend strengeren Klimavorgaben internationaler Märkte vorzubereiten.

Verbindung zur EU wird immer wichtiger

Auch der Energie- und Klimathinktank Ember bewertet die Einführung des türkischen ETS als wichtigen Wendepunkt in der Klimapolitik des Landes.

Das System soll die Emissionsintensität der Industrie unter anderem durch produktbezogene Vergleichswerte senken. Gleichzeitig könnte es türkischen Exporteuren helfen, sich auf den CO₂-Grenzausgleich der EU (CBAM) einzustellen.

Nach den türkischen ETS-Regeln sollen Anlagen mit einem jährlichen Ausstoß von mehr als 50.000 Tonnen CO₂ ihre Emissionen überwachen und entsprechende Zertifikate abgeben.

CO₂-Kosten sollen in der Türkei bleiben

Hinter der Einführung des Systems stehen auch die engen Handelsbeziehungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union. Nach den CBAM-Regeln können bereits im Herkunftsland gezahlte CO₂-Kosten bei der Berechnung der EU-Abgabe berücksichtigt werden.

Damit könnte ein funktionierender türkischer Emissionshandel dazu beitragen, einen Teil dieser Kosten innerhalb der Türkei zu halten und die Einnahmen in die klimafreundliche Modernisierung der heimischen Industrie zu lenken.

Für die türkische Wirtschaft wird der Umgang mit CO₂ damit zunehmend zu einer Frage der Wettbewerbsfähigkeit – und nicht mehr nur des Klimaschutzes.