Die türkische Wirtschaft zeigt sich zwar widerstandsfähig, doch ein genauerer Blick in die Bücher offenbart riskante Verschiebungen. So wies die Leistungsbilanz im Mai ein Defizit von 1,46 Milliarden US-Dollar aus. Während die Regierung nachhaltige Stabilität betont, verzeichnen die Devisenreserven einen empfindlichen Rückgang.
Laut den am Freitag veröffentlichten Daten der Zentralbank (TCMB) summierte sich das annualisierte Leistungsbilanzdefizit auf 37,3 Milliarden US-Dollar. Finanzminister Mehmet Şimşek wertete die Zahlen als Beleg für die Robustheit des Landes. „Dass das Leistungsbilanzdefizit trotz der Schocks in der globalen Wirtschaft auf einem nachhaltigen Niveau bleibt, zeigt die Widerstandsfähigkeit unserer Ökonomie und unterstützt die makrofinanzielle Stabilität“, erklärte Şimşek. Der Minister kündigte an, die strukturelle Transformation fortsetzen zu wollen, um die Abhängigkeit von Energieimporten zu verringern.
Tatsächlich stützt der starke Dienstleistungssektor die Bilanz. Getragen von Reiseeinnahmen in Höhe von netto 3,8 Milliarden US-Dollar und Transportdienstleistungen von 2,2 Milliarden US-Dollar erzielte die Dienstleistungsbilanz im Mai einen Überschuss von 5,2 Milliarden US-Dollar. Ohne die Sondereffekte aus Gold- und Energiehandel stünde sogar ein Plus von 3,6 Milliarden Dollar zu Buche.
Stiller Abfluss bei den Reserven
Während die offizielle Lesart Stabilität signalisiert, zeigen die Finanzierungsdaten gegenläufige Tendenzen. So waren die direkten Nettoinvestitionen im Mai mit einem Abfluss von 455 Millionen Dollar negativ. Zwar investierten ausländische Investoren 296 Millionen Dollar in die Türkei, jedoch flossen gleichzeitig 751 Millionen Dollar an Direktinvestitionen von Inländern ins Ausland. Auf dem Immobilienmarkt hielten sich die Kräfte nahezu die Waage: Ausländer kauften für 184 Millionen Dollar Immobilien in der Türkei, während Türken für 143 Millionen Dollar im Ausland investierten.
Besonders auffällig ist die Dynamik bei den Portfolioinvestitionen. Hier zogen ausländische Anleger im Mai per saldo 3,1 Milliarden Dollar ab. Aktien und Investmentfonds wurden im Volumen von 2,8 Milliarden Dollar netto verkauft.
Die größte Belastung für die Bilanz stellt jedoch die Reserveposition dar. Um die Finanzierungslücke zu schließen, sanken die Nettoreserven der Zentralbank im Mai um 3,3 Milliarden US-Dollar. Auf Jahressicht beläuft sich der Abbau der Devisenreserven sogar auf 32,3 Milliarden Dollar. Parallel dazu verzeichneten ausländische Banken einen starken Mittelzufluss. Ihre Einlagen bei türkischen Instituten stiegen im Mai um 3,5 Milliarden Dollar, jeweils zur Hälfte in türkischer Lira und Devisen.
Auf der Kreditseite nahmen türkische Banken netto 2,65 Milliarden US-Dollar im Ausland auf, andere Sektoren kamen auf 755 Millionen US-Dollar frische Mittel.