Die Eskalation im Nahen Osten hat nun auch die globale Landwirtschaft erreicht: Aufgrund der Kampfhandlungen im Iran und der fast vollständigen Schließung der Straße von Hormuz durch Teheran droht vielerorts eine schwere Düngerknappheit. Experten warnen vor massiven Ernteausfällen und steigenden Lebensmittelpreisen, von denen besonders ärmere Länder betroffen wären, doch auch Verbraucher in Europa und den USA dürften die Folgen zu spüren bekommen.
Die Meerenge, ein Nadelöhr für den globalen Handel, wird von den iranischen Streitkräften massiv eingeschränkt. Normalerweise passieren etwa ein Fünftel der weltweiten Öllieferungen und fast ein Drittel des internationalen Düngerhandels diese Schifffahrtsroute. Besonders kritisch ist die Lage bei Stickstoff- und Phosphatdüngern, die für die Pflanzenproduktion zentrale Nährstoffe sind.
Stickstoffdünger wie Harnstoff, der weltweit am häufigsten gehandelte Dünger, sind laut Branchenkreisen am stärksten betroffen. „Der Konflikt blockiert etwa 30 Prozent des globalen Harnstoffhandels“, sagt Chris Lawson von der Rohstoffberatung CRU Group. Hinzu kommt der sprunghafte Anstieg der Preise für Flüssiggas, das bei der Herstellung ein essenzieller Rohstoff ist.
Die Folgen treffen die Landwirtschaft zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. „Die Aussaat-Saison beginnt jetzt, aber der Dünger ist nicht da“, warnt Raj Patel, Ernährungswissenschaftler an der University of Texas. Äthiopien etwa bezieht mehr als 90 Prozent seines Stickstoffdüngers aus der Golfregion – über eine Lieferroute, die bereits vor Kriegsbeginn im Februar angespannt war.
Carl Skau, stellvertretender Direktor des Welternährungsprogramms (WFP), sieht die Existenzgrundlage vieler Kleinbauern in Gefahr: „Im schlimmsten Fall bedeutet das geringere Erträge und Ernteausfälle in der nächsten Saison. Im besten Fall werden die höheren Produktionskosten nächstes Jahr an die Verbraucher weitergegeben.“
Doch nicht nur Entwicklungsländer sind betroffen. Auch in den USA und Europa befindet sich die Hauptanbausaison in vollem Gange und Landwirte sehen sich mit stark gestiegenen Preisen konfrontiert. Zwar liegen die Düngemittelpreise nicht mehr auf dem Rekordniveau nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, doch die Getreidepreise sind inzwischen gesunken. „Die Margen sind enger. Bauern könnten auf weniger düngerintensive Pflanzen umsteigen oder weniger düngen – beides senkt die Erträge und treibt letztlich die Verbraucherpreise“, erklärt Joseph Glauber vom International Food Policy Research Institute.
Entlastung aus anderen Produktionsländern ist vorerst nicht in Sicht. China, der weltweit größte Produzent von Stickstoff- und Phosphatdünger, priorisiert laut Analyst Lawson die eigene Versorgung. Harnstoff-Lieferungen aus dem Reich der Mitte würden frühestens im Mai wieder anlaufen. Auch Russland, ein weiterer bedeutender Produzent, arbeite bereits an seiner Kapazitätsgrenze.
Selbst wenn der Krieg enden sollte, dürfte sich die Lage nicht sofort normalisieren. „Die Produzenten in der Golfregion würden klare Sicherheitsgarantien benötigen, bevor sie wieder Lieferungen durch die Straße von Hormus aufnehmen würden. Die Versicherungskosten würden fast sicher steigen”, sagt Owen Gooch von der Londoner Beratungsfirma Argus Consulting Services.
Hanna Opsahl-Ben Ammar vom norwegischen Düngemittelkonzern Yara International mahnt zur Vorsicht: „Das Ernährungssystem ist fragil. Es braucht stabile Lieferketten für Düngemittel, damit Landwirte weltweit die Nahrungsmittel produzieren können, von denen wir alle abhängig sind.“