Die anhaltenden Sicherheitskrisen im Nahen Osten und die Blockade wichtiger Seewege führen zu einer massiven Verlagerung der globalen Kreuzfahrtströme zugunsten der Türkei. Während Reedereien ihre Routen aus Konfliktregionen abziehen, verzeichnen türkische Häfen einen historischen Passagierrekord und erwarten für das laufende Jahr einen wirtschaftlichen Beitrag in Milliardenhöhe.
Laut Angaben des Ministeriums für Verkehr und Infrastruktur erreichte die Zahl der Kreuzfahrtpassagiere an türkischen Häfen im ersten Halbjahr 2026 mit 756 455 Personen den höchsten Stand der letzten 16 Jahre. Insgesamt liefen in diesem Zeitraum 488 Kreuzfahrtschiffe die Terminals an. Die Branche rechnet für das Gesamtjahr mit Einnahmen von rund 2,5 Milliarden US-Dollar und peilt bis 2028 ein Volumen von 2.000 Schiffsanläufen mit fünf Millionen Passagieren an.
Diese Entwicklung wird maßgeblich von sicherheitspolitischen Verwerfungen getrieben. Burak Çalışkan, Länderchef von Costa Crociere in der Türkei, bestätigte, dass die türkischen Häfen durch die Umleitung von Schiffen in als sicherer geltende Destinationen profitierten. „Istanbul hat seine Position als wichtiger Einschiffungshafen zurückerobert, während Kuşadası und Izmir stark an Popularität gewinnen”, so Çalışkan. Costa habe die Kapazitäten und Abfahrten deutlich erhöht.
Der wirtschaftliche Effekt variiert je nach Hafenfunktion. So gibt ein Passagier in einem Anlaufhafen laut Çalışkan durchschnittlich 150 bis 250 US-Dollar aus, in einem Basishafen wie Istanbul hingegen 400 bis 600 US-Dollar. Über den gesamten Aufenthalt summieren sich die Pro-Kopf-Ausgaben für Verpflegung, Getränke und Einkäufe auf 1.000 bis 1.500 US-Dollar. Zudem verjüngt sich die Klientel zusehends, da das Durchschnittsalter der Gäste auf 36 bis 45 Jahre gesunken ist. Dies ist auf junge Berufstätige und Alleinreisende zurückzuführen. Die Zahl der türkischen Passagiere bei Costa stieg im Vorjahresvergleich um 25 bis 30 Prozent.
Von den geopolitischen Spannungen war die Branche jedoch zunächst direkt betroffen. Özgü Alnıtemiz, Türkei-Direktorin von Celestyal Cruises, berichtete, dass zwei Schiffe der Reederei aufgrund des Krieges in der Golfregion in Dubai und Doha festsaßen. „Unsere Schiffe konnten die Straße von Hormus erst nach 50 Tagen passieren. Dadurch starteten wir mit Verlusten in die Saison, haben uns aber schnell erholt“, erklärte Alnıtemis. Derzeit befördert Celestyal wöchentlich rund 1.000 türkische Gäste. Für 2026 sind mehr als 100 Anläufe in türkischen Häfen geplant, wobei rund 120.000 Passagiere ins Land gebracht werden sollen. Die stärkste Nachfrage kommt aus den USA.
Auch der zentrale Drehkreuzhafen Galataport Istanbul ist von den tektonischen Verschiebungen in der Schifffahrt betroffen. Tolga Tuncay, der Leiter des Hafenbetriebs, verwies auf die annullierten Fahrten jener Schiffe, die im Persischen Golf blockiert waren. Zudem lägen die Schwarzmeer-Kreuzfahrten mit Start und Ziel Istanbul aufgrund des Ukraine-Kriegs weiterhin auf Eis. Dennoch konnte Galataport seinen Anteil an Basishafen-Passagieren halten und erwartet in diesem Jahr rund 520.000 Passagiere bei etwa 200 Schiffsanläufen. „Die anhaltende Präferenz der Reedereien für Galataport Istanbul als Homeport ist ein wichtiger Indikator für ihr langfristiges Vertrauen in unser Land“, sagte Tuncay. Der Anteil von US-Bürgern an den Passagieren liegt bei 25 Prozent. Die Zahl der türkischen Gäste, die hier ihre Reise beginnen, soll bis Ende 2026 auf 35.000 steigen, nachdem sie im Vorjahr bei 25.000 lag.