Während die Treibstoffpreise aufgrund des Konflikts am Persischen Golf in die Höhe schießen, bereitet sich die Europäische Union auf mögliche Engpässe bei Flugzeugkerosin vor. Noch gebe es keine Versorgungsnot, betont Brüssel. Hinter den Kulissen werden jedoch bereits drastische Schritte für die Hauptreisezeit geprüft – von der Freigabe strategischer Reserven bis hin zu einer umstrittenen Notzulassung für amerikanisches Kerosin.
Der bewaffnete Konflikt zwischen den USA und Israel einerseits sowie dem Iran andererseits und die faktische Schließung der Straße von Hormuz haben die Kosten für Flugtreibstoff explodieren lassen. Vor der Eskalation lief rund ein Fünftel des in Europa verbrauchten Kerosins durch diese Meerenge. Erste Fluggesellschaften, insbesondere Billigflieger, haben bereits Flugstreichungen angekündigt.
Strategische Reserven im Visier
Sollte die Krise andauern, sei mit „Problemen der Versorgungssicherheit” zu rechnen, warnte EU-Energiekommissar Dan Jørgensen. „So weit sind wir noch nicht, aber es kann passieren.” Als Reaktion will die EU-Kommission in den kommenden Tagen eine „Kraftstoff-Beobachtungsstelle” einrichten, um Produktion, Importe und Lagerbestände in Echtzeit zu überwachen. Bislang fehlt Brüssel ein detaillierter Überblick über die strategischen Vorräte der Mitgliedstaaten. Zwar sind Lager für 90 Tage Nettoimporte vorgeschrieben, jedoch gibt es dabei keine Unterscheidung zwischen Benzin, Diesel oder Kerosin.
USA-Kerosin als umstrittener Joker
Besonders brisant: Am 8. Mai wird die EU-Luftfahrtbehörde EASA eine Empfehlung zur Nutzung des US-Treibstoffs „Jet A” veröffentlichen. Dieser ist in Europa derzeit aus technischen Gründen verboten, da er einen höheren Gefrierpunkt hat und bei extremer Kälte auf Langstreckenflügen weniger widerstandsfähig ist. Mehrere Airlines drängen jedoch auf eine befristete Ausnahmegenehmigung noch für diesen Sommer. „Eine Bewertung läuft, bevor eine Entscheidung fällt”, sagte EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas. Eine Zulassung wäre mit erheblichem logistischen Aufwand verbunden.
Tricks gegen die Treibstoffkosten
Parallel dazu bereitet die Kommission Maßnahmen vor, um den Verbrauch zu optimieren. Im Gespräch ist unter anderem eine Lockerung des Verbots von „Tankering”. Dabei betanken Airlines ihre Maschinen am Abflughafen über den Bedarf hinaus, um hohe Kerosinpreise am Zielflughafen zu umgehen. Zudem sollen die Regeln für Start- und Landerechte (Slots) temporär gelockert werden, damit Airlines, die aufgrund hoher Spritpreise Slots aufgeben, diese nicht dauerhaft verlieren.
Angst vor vorgeschobenen Streichungen
In Brüssel wächst unterdessen die Sorge, dass einige Fluggesellschaften die Krise als Vorwand nutzen, um sich still und leise von unrentablen Strecken zu trennen, wie eine Quelle aus der Kommission andeutete. Als besonders verwundbar gelten Länder mit geringer Raffineriekapazität wie Irland, während Finnland besser aufgestellt scheint. Sollte sich die Lage am Golf nicht entspannen, könnte die EU die Mitgliedstaaten zu einer koordinierten Freigabe von Notreserven und einem freiwilligen Treibstoff-Sharing aufrufen.
Appell zur Energiesouveränität
Langfristig sieht Brüssel in der Krise einen Weckruf. Der Luftfahrtexperte Matteo Mirolo forderte, die Staaten müssten nun massiv in nichtfossile, nachhaltige Flugkraftstoffe (SAF) investieren – nicht nur aus Klimagründen, sondern auch zur Sicherung der Energiesouveränität im zivilen und militärischen Bereich.