Die Versorgung Europas mit Flugzeugtreibstoff gerät zunehmend unter Druck. Die Kerosinbestände des Kontinents sind auf den niedrigsten Stand seit sieben Jahren gefallen. Gleichzeitig führen geringere Lieferungen aus Westasien dazu, dass Europa verstärkt auf weiter entfernte Lieferanten wie Nigeria, die USA, Kanada und Südkorea setzt.
Für das vierte Quartal wird in Europa ein tägliches Angebotsdefizit von rund 510.000 Barrel Kerosin erwartet. Zum Vergleich: Für die USA wird im selben Zeitraum ein Überschuss von rund 18.000 Barrel pro Tag prognostiziert, im asiatisch-pazifischen Raum ein Überschuss von 419.000 Barrel.
Europa sucht neue Lieferanten
Die Lieferungen aus Westasien, die rund die Hälfte der europäischen Kerosinimporte ausmachen, sind zuletzt zurückgegangen. Als Reaktion darauf bezieht Europa zunehmend Treibstoff aus weiter entfernten Quellen.
Neben Nigeria, den USA und Kanada gewinnt insbesondere Südkorea als Lieferant an Bedeutung. Die Kerosinexporte von Südkorea nach Europa dürften im September rund 129.000 Barrel pro Tag erreichen – der höchste Monatswert seit Oktober 2022.
Auch die südkoreanische Kerosinproduktion stieg im Juli auf rund 13,89 Millionen Barrel und damit auf den höchsten Stand seit sieben Jahren. Die Rohölverarbeitung der Raffinerien erhöhte sich gegenüber Juni um 16 Prozent auf rund 2,7 Millionen Barrel pro Tag.
Europas Kerosinreserven auf Siebenjahrestief
Wie angespannt die Lage ist, zeigt auch der Blick auf die Lagerbestände. In der wichtigen europäischen Handels- und Lagerregion Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen (ARA) fielen die Kerosinreserven in der Woche zum 10. September auf den niedrigsten Stand seit sieben Jahren.
Die ARA-Region gilt als einer der wichtigsten Umschlagplätze für Öl, Raffinerieprodukte und Treibstoffe in Europa und liefert damit wichtige Hinweise auf die Versorgungslage des europäischen Kerosinmarktes.
Steigende Treibstoffkosten könnten Ticketpreise belasten
Kerosin gehört zu den größten Kostenfaktoren für Fluggesellschaften. Eine anhaltende Angebotsknappheit könnte deshalb zusammen mit steigenden Rohölpreisen den Kostendruck auf die Airlines erhöhen.
Da das erwartete Defizit in Europa im vierten Quartal voraussichtlich nicht vollständig durch zusätzliche Lieferungen neuer Anbieter ausgeglichen werden kann, könnte sich die Versorgungslage in den letzten drei Monaten des Jahres weiter verschärfen. Das könnte wiederum die Kerosinpreise und damit die Kosten der Fluggesellschaften unter Druck setzen.
Mehr Kerosin aus Asien
Ein erwarteter Angebotsüberschuss im asiatisch-pazifischen Raum könnte Europa dabei helfen, einen Teil der Versorgungslücke zu schließen. Der wachsende Preisunterschied zwischen Europa und Asien macht den Transport über längere Distanzen wirtschaftlich attraktiver.
Neben Südkorea könnten auch chinesische Raffinerien ihre Kerosinexporte nach Europa erhöhen. Damit gewinnt Asien für die Versorgung des europäischen Luftverkehrs mit Flugzeugtreibstoff zunehmend an Bedeutung.