Istanbuler Taxi-Kammerchef fordert bessere Auslastung statt zusätzlicher Fahrzeuge

05.06.2026 – 6:30 Uhr

In der chronisch verstopften 16-Millionen-Stadt Istanbul tobt seit Jahren ein Streit um die Taxi-Flotte. Während Fahrgäste, Stadtpolitiker und Plattform-Anbieter meist eine massive Aufstockung der 20 311 konzessionierten Wagen fordern, präsentiert der Präsident der Istanbuler Taxifahrer-Kammer (İTESOB), İsmet Dalcı, eine gänzlich andere Rechnung: Nicht mehr Fahrzeuge, sondern eine drastisch bessere Auslastung sei der Schlüssel zur Lösung des Problems.

„Istanbuls Taxis arbeiten mit einer Effizienz von nur 48 Prozent. Ein Taxi, das 100 Kilometer fährt, ist nur 48 Kilometer lang besetzt und rollt 52 Kilometer leer durch die Gegend. Das ist sehr niedrig“, rechnete Dalcı in einer Stellungnahme vor. Würde man diesen Wert von 48 auf 90 Prozent steigern, hätte dies denselben Effekt wie die Zulassung von 8 531 zusätzlichen Taxis, ohne dass die tatsächliche Fahrzeugzahl erhöht werden müsste.

Nur noch zwei Taxi-Typen gefordert

Als zentralen Bremsklotz macht der Kammerchef zudem die Zersplitterung des Systems aus. Derzeit verkehren in der Bosporus-Metropole fünf verschiedene Taxi-Typen: die klassischen gelben Wagen, türkise, gelb-schwarze, schwarze und app-basierte Fahrzeuge. Die Tarifstruktur sei dabei so undurchsichtig, dass sie weder von den Fahrgästen noch von den rund 60.000 aktiven Fahrern vollständig durchdrungen werde.

„Das sollte nicht so sein. In einer Stadt wie Istanbul darf es nur zwei Typen geben: standardmäßige gelbe Taxis und schwarze VIP-Taxis, die bis zu acht Passagiere befördern können“, fordert Dalcı. Seine Kammer wolle den lokalen Behörden deshalb das „Singapur-Modell“ als Blaupause vorschlagen.

Digitaler Zentralismus nach Singapur-Vorbild

Das südostasiatische Modell setzt auf eine streng integrierte Logistik: Taxi-Dispositionssysteme werden mit festen Stationen verknüpft und jede einzelne Fahrt wird digital erfasst. Beschwerden, Kundenbewertungen und Anfragen an das Fundbüro sollen über ein zentrales System laufen. Dalcı verspricht sich davon kürzere Reaktionszeiten, eine spürbar höhere Servicequalität und das Ende des ineffizienten Kreiselns auf der Suche nach Fahrgästen.

Ob die politischen Entscheidungsträger den Vorstoß aufgreifen, ist offen. Bislang drehte sich die hitzige Debatte fast ausschließlich um die Frage, ob und wie viele der begehrten neuen Taxi-Lizenzen vergeben werden sollen. Die Analyse des Kammerchefs legt jedoch nahe, dass das eigentliche Problem nicht auf der Straße, sondern im System steckt.