Istanbul startet unterirdischen Erdbeeranbau mit vertikaler Landwirtschaft

29.04.2026 – 6:35 Uhr

Mitten im hektischen Großstadtleben Istanbuls, 30 Meter unter dem Asphalt, soll künftig der süßeste Stoff der Saison reifen. In einem ehemaligen Tiefgeschoss eines Kulturzentrums startet die Türkei eine ungewöhnliche Agrar-Offensive für pestizidfreie Erdbeeren – und das mitten im Winter.

In der unterirdischen Vertikalfarm im Stadtteil Kağıthane, die als zweittiefstes landwirtschaftliches Produktionszentrum der Welt gilt, hat das türkische Landwirtschaftsministerium die Forschungs- und Entwicklungsphase für den ganzjährigen Erdbeeranbau eingeleitet. Während an der Oberfläche Smog und Verkehr toben, werden in der achten unterirdischen Etage bereits über 120 Pflanzensorten in erdelosen Hydrokultur-Systemen kultiviert. Nun soll das Sortiment um die empfindliche Frucht erweitert werden.

Projektkoordinator Hakan Aşan erklärte, das vertikale Anbaumodell ermögliche es, Frischware ohne lange Transportwege direkt an die Konsumentinnen und Konsumenten in der 16-Millionen-Metropole zu liefern. Die logistischen Kosten, die sonst beim Transport aus ländlichen Anbaugebieten anfallen, entfallen nahezu komplett. Die Forschungsarbeiten für das Erdbeerprogramm sollen innerhalb von sechs Monaten abgeschlossen sein.

Das technische Herzstück der Anlage ist ein hydroponisches System, das ohne Erde auskommt. Wasser, Nährstoffe und Licht werden unter streng kontrollierten Bedingungen direkt an die Wurzeln geleitet. Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Beleuchtungsdauer sind so kalibriert, dass sie das Wachstum beschleunigen und den Einsatz von Pestiziden überflüssig machen.

Ein zentrales Argument für diese Technologie ist der geringere Ressourcenverbrauch: Während die konventionelle Landwirtschaft für ein Kilogramm Erntegut rund 250 Liter Wasser benötigt, reduziert das unterirdische System diesen Wert nach Betreiberangaben auf einen einzigen Liter – eine Ersparnis von mehr als 99 Prozent. Zudem erzielt die lediglich 300 Quadratmeter große Fläche Erträge, die einer herkömmlichen Ackerfläche von 20.000 Quadratmetern entsprechen.