Fatih Karahan, der Präsident der Türkischen Zentralbank (TCMB), geht davon aus, dass die weitere Entwicklung der Inflation in der Türkei sowohl von externen Schocks als auch von binnenwirtschaftlichen Faktoren beeinflusst wird. Dies erklärte er am 22. September in einer Präsentation mit dem Titel „Inflation und makroökonomische Aussichten“ bei der 19. Türkei-Investitionskonferenz des Türkisch-Amerikanischen Wirtschaftsrates (TAİK).
Laut Karahan sorgen derzeit geopolitische Entwicklungen für steigende Ölpreise, die durch höhere Margen bei raffinierten Produkten verstärkt werden. So sei der Preis für Brent-Rohöl von 72 US-Dollar pro Barrel vor dem Krieg um 39 Prozent auf 101 US-Dollar zum 21. September gestiegen und habe während des Krieges zeitweise 118 US-Dollar erreicht. Dieselkraftstoff verteuerte sich demnach von 29 auf 93 US-Dollar, was einem Anstieg von 226 Prozent entspricht. Der Höchststand wurde mit 102 US-Dollar während des Krieges erreicht.
Um die Risiken für die Inflationsentwicklung zu begrenzen, hat die Zentralbank eigenen Angaben zufolge ihre Geldpolitik gestrafft. Das Kreditwachstum hat sich seit dem Frühjahr deutlich verlangsamt. Gleichzeitig hat das Wirtschaftswachstum mit der spürbaren Abschwächung der Binnennachfrage an Dynamik verloren: Während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal 2025 noch um 4,8 Prozent im Jahresvergleich gewachsen ist, ist es im zweiten Quartal 2026 auf 2,3 Prozent zurückgegangen. Im selben Zeitraum fiel das jährliche Wachstum der Binnennachfrage von 5,2 auf 2,2 Prozent.
Die Außenhandelsbilanz hat sich verbessert und die Tourismuseinnahmen sind robust geblieben. So lagen die Tourismuseinnahmen im Zeitraum Januar bis Juli 2025 bei 30,8 Milliarden US-Dollar und im gleichen Zeitraum 2026 bei 31 Milliarden US-Dollar. Die abflauende Binnennachfrage und der erstarkende Export stützten die Leistungsbilanz.
Bei der Inflation wirkten sich hohe Energiepreise sowohl direkt als auch indirekt nach oben aus, hieß es weiter. Der Anstieg der Energiepreise schlägt sich besonders in der Inflation der Verkehrsdienstleistungen nieder. Dämpfend wirkten dagegen die rückläufige Mieteninflation und die schwächere Nachfrage, die den Disinflationsprozess unterstützten.
Die Inflationserwartungen der Marktteilnehmer für die kommenden zwölf Monate lagen im September bei 23,7 Prozent. Die Erwartungen der Realwirtschaft betrugen im August 32,8 Prozent und die der privaten Haushalte 45,6 Prozent.
Laut Karahan wird die Inflationsentwicklung künftig von globalen Schocks und binnenwirtschaftlichen Dynamiken geprägt sein. Er nannte Angebotsschocks, Nachfragebedingungen und Erwartungen als drei zentrale Faktoren. Bei den Energiepreisen bestehen weiterhin Aufwärtsrisiken, wenngleich sich die inländische Nahrungsmittelversorgung verbessert hat; externe Risiken bleiben jedoch bestehen. Die schwache Nachfrage stützt die Disinflation und begrenzt die Weitergabe von Angebotsschocks an die Preise. Die Inflationserwartungen blieben trotz der Angebotsschocks unter Kontrolle, doch der jüngste Anstieg erfordere Vorsicht.