Eine wissenschaftliche Untersuchung in der Türkei liefert alarmierende Erkenntnisse zur Belastung von Lebensmitteln. Selbst nach gründlichem Waschen und Kochen sind in selbst zubereiteten Mahlzeiten teils gefährlich hohe Rückstände von Pflanzenschutzmitteln nachweisbar. Die vom staatlichen Wissenschaftsrat TÜBİTAK geförderte Studie zeigt, dass Verbraucher:innen den Substanzen nicht selten in einer bedenklichen Mischung, einem sogenannten „Pestizid-Cocktail“, ausgesetzt sind.
Forscher der Universität analysierten knapp 200 Abendessen, die in Haushalten in der westtürkischen Provinz Izmir gesammelt worden waren. Mit modernsten Labormethoden untersuchten sie die Gerichte auf 235 verschiedene Pestizide. Das Ergebnis: 18 der Substanzen wurden in den Mahlzeiten nachgewiesen, drei davon fanden sich in fast allen Proben, wie die Tageszeitung Hürriyet am Montag berichtete.
Überraschenderweise sind Stadtbewohner im Vergleich zur ländlichen Bevölkerung einer größeren Vielfalt und höheren Konzentration an Pestiziden ausgesetzt. Als Gründe dafür nennen die Autoren komplexe Lebensmittellieferketten, Transport- und Lagerungsprozesse sowie Umwelteinflüsse wie Luftverschmutzung.
Besorgniserregend ist zudem, dass bei einigen Proben die aufgenommenen Tagesmengen über den von der Europäischen Union als sicher eingestuften Grenzwerten lagen. Die Wissenschaftler warnen ausdrücklich vor den möglichen Langzeitfolgen einer chronischen Belastung mit geringen Dosen. Während kurzfristige Effekte Kopfschmerzen oder allergische Reaktionen umfassen könnten, wird in der Fachliteratur eine dauerhafte Exposition mit schweren Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Diabetes und Krebs in Verbindung gebracht.
Die Besonderheit dieser Untersuchung besteht laut den Leitautoren Esin Balcı und Mesut Genişoğlu darin, dass nicht die rohen Agrarprodukte, sondern die verzehrfertigen Speisen selbst analysiert wurden. „Diese Studie zeigt, wie sich die Pestizidbelastung unmittelbar auf unseren Tellern widerspiegelt“, so die Forscher. Sie gehen davon aus, dass in Großstädten wie Istanbul oder Ankara vergleichbare Ergebnisse zu erwarten wären.
Die Wissenschaftler betonten die Notwendigkeit eines landesweiten Monitorings von Pestizidrückständen in Lebensmitteln sowie einer stärkeren Sensibilisierung von Erzeugern und Verbrauchern. Rund 30 Prozent des Pestizideinsatzes in der Türkei entfallen den Angaben zufolge auf die landwirtschaftlichen Zentren der Provinzen Adana, Antalya, Manisa und Mersin.