Die US-Investmentbank Goldman Sachs rechnet mit einem möglichen Kurswechsel in der türkischen Wirtschaftspolitik. Laut einer neuen Analyse könnte die Regierung in Ankara die Stabilität des Außenhandels künftig über die Inflationsbekämpfung stellen und dabei eine beschleunigte Abwertung der Landeswährung Lira bewusst in Kauf nehmen.
In einem von den Ökonomen Clemens Grafe und Başak Edizgil verfassten Bericht heißt es, die politischen Entscheidungsträger seien sich der Risiken einer schwindenden Wettbewerbsfähigkeit bewusst. Sollte die Priorität tatsächlich auf die außenwirtschaftliche Stabilität verlagert werden, wäre ein jährlicher Wertverlust der Lira gegenüber dem US-Dollar im mittleren 20-Prozent-Bereich denkbar. Dies hätte jedoch den Preis einer langsameren Entschleunigung der Inflation.
Die Währungshüter stehen vor einem Dilemma. Das bisherige Deinflationsprogramm des Landes basierte teilweise auf einer realen Aufwertung der Lira. Dieser Mechanismus zeigt jedoch zunehmend Risse. Zwar gab die Lira im bisherigen Jahresverlauf nominal nur rund neun Prozent gegenüber dem Dollar nach, doch die Verbraucherpreise stiegen allein im ersten Halbjahr um mehr als 17 Prozent. Die Jahresinflationsrate lag zuletzt bei 32,1 Prozent.
Grafe und Edizgil warnen vor “höheren Zinsen als erwartet”
Die Analysten warnen eindringlich vor den geldpolitischen Konsequenzen. Um die mühsam erreichte Dedollarisierung und damit die Finanzstabilität nicht zu gefährden, müssten die Zinsen im Falle eines forcierten Lira-Verfalls länger hoch bleiben. „Ein schnellerer Wertverlust der Währung würde erfordern, dass die Zinssätze auf einem höheren Niveau verharren, als es der Markt derzeit einpreist”, so das Duo von Goldman Sachs. Der aktuelle Leitzins der türkischen Notenbank liegt bei 37 Prozent. Die nächste Zinsentscheidung wird an diesem Donnerstag erwartet.
Exportsektor unter Druck – Leistungsbilanzdefizit droht auszuufern
Hintergrund der Analyse ist die zunehmend angespannte Lage im türkischen Außenhandel. Die realen Exporte stagnierten zwischen 2022 und 2024 weitgehend und sind seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres rückläufig. Die Bank prognostiziert, dass das Leistungsbilanzdefizit bis 2026 auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – umgerechnet rund 60 Milliarden US-Dollar – ansteigen könnte.
Besonders besorgniserregend ist dem Bericht zufolge der Verlust von Marktanteilen. Bei Vorleistungsgütern drängt China die Türkei zunehmend vom Markt. Gleichzeitig haben vor allem Exporteure aus Mittel- und Osteuropa die Lücken bei europäischen Konsumgütern gefüllt. Selbst Zuwächse im Bereich der Kapitalgüter und der Verteidigungsindustrie reichen nicht aus, um diese strukturellen Schwächen auszugleichen.