Die US-Investmentbank Goldman Sachs hat ihre Jahresendprognose für die türkische Wirtschaft deutlich nach oben korrigiert. Gleichzeitig warnt sie vor einer massiven Verschlechterung der Leistungsbilanz. Trotz einer kurzen Verschnaufpause im Mai rechnen die Analysten nun mit einem Anstieg des Defizits auf rund 60 Milliarden US-Dollar.
In einem am Mittwoch veröffentlichten Research-Bericht revidiert das Bankhaus seine Erwartungen spürbar. Zwar sei das monatliche Defizit im Mai saisonbedingt auf 1,5 Milliarden Dollar geschrumpft, doch trügen die jüngsten Handelsdaten bereits den Keim der nächsten Eskalation in sich. Für das Gesamtjahr prognostiziert Goldman Sachs nun ein Leistungsbilanzdefizit von 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Dieses Niveau erhöht die Anfälligkeit des Landes für externe Schocks drastisch.
Importwelle im Juni zerstört Hoffnung auf Trendwende
Die kurzfristige Entspannung im Mai, die durch den beginnenden Tourismus und eine schwächelnde Energienachfrage getrieben wurde, erweist sich als trügerisch. Laut den Analysten deuten die Frühindikatoren für Juni auf einen abrupten Kurswechsel hin. Die Warenimporte explodierten im Monatsvergleich um sieben Milliarden Dollar, wodurch das Handelsdefizit auf etwa 4,5 Milliarden Dollar hochschnellte. Die zuvor erhoffte nachhaltige Abkühlung der Binnennachfrage bleibt damit aus. Goldman Sachs warnt, dass sich die Kernhandelslücke bei anziehender Auslandsnachfrage und schwächelnder Exportdynamik im weiteren Jahresverlauf noch weiter öffnen wird.
Gefährliche Finanzierungslücke und schrumpfende Polster
Parallel zur trüben Außenhandelsbilanz offenbaren die Kapitalströme strukturelle Risse. So verzeichnete die Finanzierungsseite im Mai einen Nettoabfluss von 1,8 Milliarden Dollar, der vor allem durch einen massiven Abzug von Portfoliogeldern in Höhe von 3 Milliarden Dollar ausgelöst wurde. Diese konnten zwar durch Kreditzuflüsse an den Bankensektor teilweise kompensiert werden, doch führte das Leistungsbilanzdefizit in Kombination mit den Kapitalabflüssen zu einem Reservenschwund von 3,3 Milliarden Dollar allein im Mai.
Trotz gefallener Kreditnachfrage
Die straffe Geldpolitik der türkischen Notenbank zeigt im Inneren Wirkung, jedoch um den Preis einer scharfen Konjunkturabkühlung. Das Wachstum der türkischen Lira-Kredite fiel zuletzt auf annualisierte 36 Prozent zurück – ein Minus von drei Prozentpunkten binnen einer Woche. Fremdwährungskredite wachsen nur noch marginal mit 4 Prozent. Angesichts des aufgeblähten Defizits und anhaltender Inflationsrisiken mahnt Goldman Sachs, die Zügel nicht zu lockern. Die Bank plädiert für die Beibehaltung eines hohen Realzinses, auch wenn die durchschnittlichen Einlagenzinsen zuletzt leicht auf 47 Prozent nachgaben und die Notenbank das System weiterhin mit Liquidität flutet.