Goldman Sachs erhöht Inflationsprognose für die Türkei auf 29 Prozent

25.06.2026 – 7:00 Uhr

Die US-Investmentbank Goldman Sachs hat ihre Inflationsprognose für die Türkei erhöht und sieht eine anhaltende Konjunkturabkühlung als notwendig an, um die Inflation erfolgreich zu bekämpfen. In einer aktuellen Analyse rücken die Ökonomen zudem die fragile Wechselkursdynamik in den Fokus.

Demnach hat sich der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Inflation in der Türkei als weitaus stärker erwiesen als in früheren Untersuchungen angenommen. Während ältere Studien vor allem den Devisenkurs als dominierenden Preistreiber identifizierten, betont Goldman Sachs nun die entscheidende Rolle der Binnennachfrage. Der Rückgang der Kerninflation in der ersten Hälfte des Jahres 2024, der zeitgleich mit einer schwächeren Wirtschaftsaktivität eintrat, stützt laut dem Bericht diese These. Es handele sich um die einzige nachhaltige Phase gleichzeitiger Abkühlung von Nachfrage und Preisen im aktuellen Zyklus.

Lira-Verfall beschleunigt sich – Notenbank in der Zwickmühle

Trotz einer Normalisierung der Wechselkursweitergabe auf die Verbraucherpreise bleibt diese mit rund 30 Prozent weiterhin über dem Niveau vor der Ära der unkonventionellen Geldpolitik. Den Höchststand hatte die Durchschlagskraft des Wechselkurses 2022 mit 60 Prozent erreicht. Aufgrund der jüngsten Ausweitung des Handelsbilanzdefizits und der ausbleibenden panischen Flucht der heimischen Anleger in Fremdwährungen gehen die Analysten davon aus, dass die türkische Zentralbank (TCMB) eine schnellere Abwertung der Lira zulassen wird als noch im ersten Quartal.

Inflationsziel in Gefahr: Prognose auf 29 Prozent erhöht

Angesichts dieser sich beschleunigenden Währungsabwertung und gestiegenen Inflationserwartungen hat die US-Bank ihre Prognose für das Jahresende 2026 nach oben korrigiert. Anstelle einer Inflationsrate von 27,5 Prozent rechnet Goldman Sachs nun mit 29 Prozent. Um eine Dollarisierungswelle zu verhindern, wird die Notenbank laut der Bank die Strategie einer gesteuerten Lira-Abwertung mit einem länger anhaltenden Hochzinsniveau flankieren müssen. Zur Unterstützung dieses Kurses erwartet die Bank den Einsatz makroprudenzieller Instrumente, insbesondere strikter Kreditwachstumsgrenzen.

Infolgedessen gehen die Analysten von einer anhaltenden geldpolitischen Strenge aus. Der Leitzins wird demnach im restlichen Jahr nicht gesenkt und die Refinanzierung des Bankensektors erfolgt voraussichtlich bis ins vierte Quartal hinein über den Spitzenrefinanzierungssatz.

Finanzstabilität statt Wachstum als Priorität

Interessant ist die Neubewertung der Energiepreise: Während der direkte Effekt der Ölpreise auf die türkische Inflation aufgrund von Steuermaßnahmen und geringerer Überwälzung merklich abgenommen hat, ist der indirekte psychologische Effekt gestiegen. Die Verschlechterung der Inflationserwartungen seit März war demnach stark genug, um die Kerninflationsdynamik wieder zu beschleunigen.

Zudem geht Goldman Sachs davon aus, dass sich die Prioritäten der türkischen Währungshüter verschieben könnten. Bisher zeigte sich die Zentralbank bei der Inflationsbekämpfung wenig gewillt, einen drastischen Produktionseinbruch in Kauf zu nehmen. Stattdessen setzte sie auf eine reale Aufwertung der Lira, die durch ein überschaubares Leistungsbilanzdefizit in den Jahren 2024 und 2025 ermöglicht wurde.
Sollte sich die außenwirtschaftliche Lage jedoch weiter verschlechtern, wird die TCMB gezwungen sein, der Finanzstabilität Vorrang zu geben und die Binnennachfrage aggressiver zu drosseln. Wie proaktiv sie dabei vorgehen wird, ist laut der Analyse allerdings noch völlig offen.