Der boomende türkische Medizintourismus sieht sich zunehmend mit koordinierter Gegenwehr aus dem europäischen Ausland konfrontiert. Während die Branche in den vergangenen Jahren ein rasantes Wachstum verzeichnete, berichten Branchenvertreter nun von gezielten Negativkampagnen in wichtigen Quellmärkten wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Unter dem Narrativ „Billig, aber riskant” wird versucht, Patientenströme umzulenken und die Türkei als unsicheres Behandlungsziel darzustellen.
Laut offiziellen Statistiken reisten im Jahr 2025 insgesamt 1,39 Millionen ausländische Patienten für medizinische Eingriffe in die Türkei. Die damit erzielten Einnahmen beliefen sich auf 3,02 Milliarden US-Dollar. Im Vergleich zu 2024, als 1,5 Millionen Patienten mehr als drei Milliarden Dollar generierten, bedeutet dies einen leichten Rückgang der Patientenzahlen um etwa sieben Prozent. Fachverbände führen diesen Dämpfer maßgeblich auf sogenannte „Wahrnehmungskampagnen” der Konkurrenz zurück. Ungeachtet dessen bleibt die Branche ambitioniert. Für das Jahr 2026 wird ein Anstieg auf 2,5 Millionen Gesundheitstouristen sowie ein Umsatzziel von zehn Milliarden US-Dollar angepeilt.
Nach wie vor besonders gefragt sind Behandlungen in den Bereichen Haartransplantation, medizinische Ästhetik, plastische Chirurgie und Allgemeinchirurgie. Die größte Patientengruppe kommt dabei aus Europa, gefolgt von den USA sowie den Staaten des Nahen Ostens und der Golfregion. Ökonomisch gesehen ist der Unterschied zum klassischen Urlauber signifikant: Während ein regulärer Tourist durchschnittlich etwa 800 Dollar im Land ausgibt, liegen die Ausgaben eines Medizintouristen mit 3.000 bis 4.000 Dollar um ein Vielfaches höher.
In den Zielländern, insbesondere in Großbritannien, Deutschland und Frankreich, hat sich die Rhetorik der Wettbewerber jedoch verschärft. Brancheninsider verweisen auf plakative Warnungen wie „Lassen Sie sich keine Haare in der Türkei transplantieren – Sie könnten sterben” und auf die Verbreitung von Zweifeln an der Qualität der Klinikinspektionen. Diese Botschaften zielen laut türkischen Anbietern vor allem darauf ab, Erstpatienten zu verunsichern. Die geschätzten Verluste in diesem Segment liegen zwischen 15 und 30 Prozent, wie aus Branchenangaben hervorgeht.
Die türkische Gesundheitswirtschaft reagiert darauf mit einer Kommunikationsoffensive. Gegen nachweislich irreführende Inhalte im Ausland wurden rechtliche Schritte eingeleitet. Parallel dazu versucht man, über soziale Medien das Bild der modernen türkischen Infrastruktur und der hohen Versorgungsqualität zu festigen. Zudem intensivieren die Anbieter ihre Präsenz vor Ort. In wichtigen Märkten werden Vor-Diagnosezentren eröffnet, um potenzielle Kundinnen und Kunden direkt über die medizinischen und touristischen Kapazitäten des Landes aufzuklären.
Şehnaz Atak Askeroğlu, die Vorsitzende der Fachabteilung Gesundheitstourismus des türkischen Reiseveranstalterverbandes TÜRSAB, betonte, dass die im Ausland kursierenden Negativberichte nicht der Realität entsprechen. „Die Türkei hat einen sehr ernstzunehmenden Patientenzustrom. Konkurrierende Länder versuchen, Patienten in ihren eigenen Systemen zu halten, können aber weder die gleiche Geschwindigkeit noch die gleiche Kosteneffizienz bieten“, erklärte Askeroğlu. Sie wies darauf hin, dass Patienten in Ländern wie Großbritannien selbst für einfache Behandlungen oft drei bis vier Monate Wartezeit in Kauf nehmen müssen, während sie in der Türkei schnell und kostengünstig einen hohen Standard erhalten. Akkreditierte Kliniken mit starken Referenzen sind von den Schmähkampagnen zudem weniger betroffen, da der Ruf der Türkei als sicheres Ziel in Fachkreisen weiterhin Bestand hat.