Die US-Ratingagentur Fitch hat ihre Prognose für den gesamten türkischen Finanzsektor drastisch verschärft. Aufgrund des anhaltenden Konflikts zwischen den USA und dem Iran, der hohen Inflation sowie innenpolitischer Spannungen stuft die Agentur die Geschäftsbedingungen für Banken, Nichtbanken-Finanzinstitute und Versicherer nun als „verschlechternd“ ein. Zuvor war der Ausblick neutral.
In einer am Donnerstag veröffentlichten Analyse senkte Fitch die mittelfristige Sektorprognose für das Jahr 2026 von „neutral“ auf „verschlechternd“. Als Hauptgründe nannte die Agentur die sich eintrübenden gesamtwirtschaftlichen Aussichten und die Erwartung, dass die Leitzinsen länger auf hohem Niveau verharren müssen als ursprünglich angenommen. Diese Gemengelage setze die Institute massiv unter Druck.
Besonders hart trifft es demnach die Bankenbranche. Fitch sieht die größte Herausforderung in den anhaltend hohen Zinsen. Zwar würden Zinssenkungen bei der türkischen Lira perspektivisch die Nettozinsmargen stützen, doch dieser Effekt werde sich wegen der schnelleren Neubepreisung von Verbindlichkeiten deutlich verzögern. Gleichzeitig belasten regulatorische Eingriffe – darunter monatliche Kreditwachstumsgrenzen, höhere Mindestreserven und Vorgaben zum Lira-Einlagenanteil – sowie steigende Kreditrückstellungen und inflationsbedingte Kosten die Ertragskraft.
Faule Kredite nehmen zu
Mit Blick auf die Kreditbücher erwarten die Analysten eine weitere Eintrübung. Aufgrund des langsameren Wirtschaftswachstums und des Hochzinsumfelds wird sich die Qualität der Vermögenswerte bis 2026 weiter verschlechtern. Vor allem bei unbesicherten Privatkrediten und im Mittelstandssegment rechnet Fitch mit einem moderaten Anstieg notleidender Darlehen. Die Risikovorsorge und das Vorsteuerergebnis sind jedoch ausreichend, um die Entwicklung beherrschbar zu halten.
Trotz der geopolitischen Spannungen durch den Iran-Konflikt konnten türkische Banken nach einer kurzen Zwangspause wieder Anleihen am Kapitalmarkt platzieren. Fitch geht davon aus, dass die Institute ihren Marktzugang bei günstigen Bedingungen behalten werden. Die Dollarisierung der Einlagen ist zwar kontrolliert, reagiert aber weiterhin höchst sensibel auf die Geldpolitik und das Marktvertrauen.
Finanzierungs- und Leasingfirmen unter Druck
Auch für den Bereich der Nicht-Banken-Finanzinstitute (NBFI) zeichnet Fitch ein düsteres Bild. Finanzierungs- und Leasinggesellschaften leiden unter den hohen Finanzierungskosten und sind aufgrund ihrer geringeren Liquiditätspuffer besonders verwundbar. Bei Leasing-Anbietern droht 2026 eine Margenerosion durch Fristeninkongruenzen, da 2025 noch Kredite zu niedrigeren Zinsen vergeben wurden. Das Factoring-Geschäft bleibt anfällig für makroökonomische Schocks.
Versicherer leiden unter Preiskampf und Inflation
Im Schaden- und Unfallversicherungsgeschäft (Non-Life) erwartet Fitch eine nachlassende Profitabilität. Getrieben von hoher Inflation und intensivem Wettbewerb geraten die technischen Margen durch steigende Schadenkosten unter Druck. Einige Anbieter verzichten auf notwendige Prämienerhöhungen, um Marktanteile nicht zu verlieren, was die Ertragslage zusätzlich belastet. In den Sparten Kraftfahrt, Feuer und Kranken hat sich die Combined Ratio bereits im ersten Quartal verschlechtert und dieser Trend wird sich voraussichtlich fortsetzen.
Als Rettungsanker für die Versicherungsbranche erweisen sich derzeit die hohen Zinserträge. Die Gewinne der Gesellschaften hängen übermäßig von den Anlageerträgen aus Bankguthaben und Staatsanleihen ab. Diese müssen die technischen Verluste – vor allem in der Kfz-Haftpflicht – kompensieren.
Abschließend betonte Fitch, dass sich die sektorale Brancheneinschätzung vom Ausblick für die einzelnen Kreditratings unterscheide. Die Ratings der türkischen Finanzinstitute bleiben demnach vorerst „stabil”.