Ein Warenkorb mit über 2.000 identischen Produkten und Dienstleistungen kostet in Europa je nach Land bis zu viermal so viel. Das geht aus dem aktuellen Preisniveau-Index für den tatsächlichen Individualverbrauch (AIC) des Europäischen Statistikamtes Eurostat hervor. Während Verbraucher in dem Land mit den höchsten Preisen tief in die Tasche greifen müssen, offenbaren die Zahlen für ein Land am südöstlichen Rand Europas eine bemerkenswerte Entwicklung.
Innerhalb der Europäischen Union belegt Luxemburg den Spitzenplatz bei den Konsumausgaben. Sobald jedoch die assoziierten EFTA-Staaten sowie die Beitrittskandidaten in die Rechnung einfließen, verschieben sich die Gewichte massiv. Dann thront Island mit einem Preisniveau von 183,7 Indexpunkten an der Spitze des Kontinents – ein Aufschlag von 83,7 Prozent auf den EU-Durchschnitt von 100 Euro. Dicht dahinter folgen die Schweiz (181,0) und Dänemark (140,2).
Das andere Ende der Skala führt die Republik Nordmazedonien an. Dort ist der symbolische Warenkorb bereits für einen Gegenwert von 49,70 Euro zu haben. Direkt dahinter platziert sich die Türkei: Ein Einkauf, für den man im EU-Mittel 100 Euro zahlt, schlägt dort mit lediglich 52,20 Euro zu Buche. Damit ist die Türkei gemessen in Euro die zweitgünstigste unter allen untersuchten europäischen Volkswirtschaften. Zu dem preiswerten Cluster zählen außerdem Bosnien und Herzegowina (55,70 Euro) sowie die EU-Mitglieder Rumänien (58,90 Euro) und Bulgarien (60,00 Euro).
Ein Blick auf die großen Volkswirtschaften der EU zeigt ebenfalls signifikante Unterschiede. So liegt das Preisniveau in Deutschland 9,1 Prozent über dem Gemeinschaftsschnitt, sodass ein Einkauf hier rechnerisch 109,10 Euro kostet. Frankreich liegt 6,4 Prozent über dem Durchschnitt, während Italien zwei Prozent und Spanien 8,9 Prozent günstiger sind. Ein deutscher Verbraucher zahlt somit für das identische Güterbündel fast 20 Prozent mehr als ein spanischer.
Diese krasse Spanne relativiert sich jedoch aus Expertensicht, sobald man die lokale Kaufkraft einbezieht. Professor Robert Inklaar von der Universität Groningen warnt vor rein nominellen Vergleichen: „Für den Lebensstandard ist nicht die absolute Höhe der Preisschilder entscheidend, sondern das, was ein ortsübliches Gehalt auf dem heimischen Markt tatsächlich kaufen kann.” Die Schweiz sei zwar teuer, doch spiegele sich dies auch in entsprechend hohen Einkommen wider.
Als zentralen Treiber für das Preisgefälle identifiziert Inklaar die Arbeitsproduktivität und die damit verbundenen Lohnstrukturen. „In Ländern mit produktiveren Beschäftigten sind die Einkommen höher. Diese hohen Gehälter schlagen sich unmittelbar in den Preisen für nicht handelbare Dienstleistungen nieder – sei es der Restaurantbesuch, der Haarschnitt, der Zahnarzttermin, die Miete oder die Kinderbetreuung“, erläutert der Ökonom. Diese Posten ließen sich nicht importieren, sondern müssten zwingend lokal produziert und finanziert werden.