Die europäische Tourismuswirtschaft drängt auf eine radikale Modernisierung des Visumsystems. Nur mit blitzschnellen, vollständig digitalisierten Verfahren und länger gültigen Mehrfachvisa könne der Kontinent seine Spitzenposition als weltweit beliebtestes Reiseziel gegenüber aufstrebenden Konkurrenten verteidigen.
Mehr als 70 führende Verbände der Reise- und Tourismusbranche, die sich in der „Tourism Manifesto Alliance” zusammengeschlossen haben, haben die im Sommer veröffentlichte EU-Visastrategie grundsätzlich begrüßt. In einer am Dienstag verbreiteten Stellungnahme warnen sie jedoch: Angesichts des globalen Wettbewerbsdrucks dürfe es keine halben Sachen geben.
Die Unternehmen fordern von der EU und den Mitgliedstaaten ein klares Bekenntnis zu einem „modernen, zugänglichen und reisefreundlichen Rahmen”. Konkret geht es um vier Punkte: vollständig digitale und effiziente Verfahren, schnellere und vor allem planbare Bearbeitungszeiten, die Einführung längerfristiger Mehrfachvisa sowie einheitliche Regeln in allen Schengen-Staaten, um für Reisende „reibungslose Erlebnisse” zu schaffen.
Bürokratie als Standortrisiko
Hintergrund der Initiative ist die Sorge der Branche, dass antiquierte Abläufe die Attraktivität Europas als Reiseziel schmälern könnten. Zwar ist der Schengen-Raum nach wie vor das meistbesuchte Reiseziel der Welt, doch man dürfe sich nicht auf diesem Erfolg ausruhen. „Komplexe und langsame Verfahren bergen das Risiko, die Attraktivität Europas für Urlaubs- und Geschäftsreisen zu schwächen”, heißt es in dem Papier, das auch von HOTREC, dem Dachverband der Hotellerie und Gastronomie, unterstützt wird.
Die Wirtschaftsvertreter sehen die Visapolitik nicht mehr nur als Instrument der Sicherheitspolitik, sondern als „entscheidendes Werkzeug zur Stärkung der globalen Wettbewerbsfähigkeit”. Ein modernes System sei essenziell, um Arbeitsplätze und Wachstum im gesamten Tourismus-Ökosystem zu sichern.
Mahnung an die Mitgliedsstaaten
Mit Blick auf die geplante Einführung des Europäischen Reiseinformations- und -genehmigungssystems (ETIAS) Ende 2026 appellieren die Verbände an die Mitgliedstaaten, ihre Hausaufgaben rechtzeitig zu erledigen. Die Systeme müssen pünktlich bereitstehen, dafür müssen ausreichend personelle und finanzielle Ressourcen bereitgestellt werden.
Wenn es gelinge, Erleichterung und Digitalisierung zu priorisieren, so die Überzeugung der Branche, könne die neue Strategie nicht nur die Führungsrolle Europas festigen, sondern auch den Tourismus über die Hauptsaison hinaus ausweiten und die regionale Wirtschaft widerstandsfähiger machen.