Angesichts einer drohenden Erdbebengefahr verwandelt sich die türkische Megastadt Istanbul zunehmend in eine einzige Großbaustelle. Wie aus Regierungsangaben und Planungsdaten hervorgeht, werden in der 15-Millionen-Metropole jährlich fast 10.000 einsturzgefährdete Gebäude abgerissen und neu gebaut. Damit entfällt rund die Hälfte aller urbanen Abrissmaßnahmen in der gesamten Türkei auf die Stadt am Bosporus.
Im Rahmen eines 2012 gestarteten Stadterneuerungsprogramms werden landesweit jährlich schätzungsweise 20.000 Risikogebäude abgetragen. Die Dringlichkeit ist in Istanbul besonders hoch, da die Stadt in unmittelbarer Nähe bedeutender tektonischer Verwerfungslinien liegt. Schätzungen der Kommunalverwaltung zufolge gelten von den etwa 1,5 Millionen riskanten Wohneinheiten rund 600.000 als derart marode, dass sie bei einem schweren Beben unmittelbar einsturzgefährdet wären.
Um den Austausch der unsicheren Bausubstanz zu beschleunigen, nutzen derzeit zahlreiche Immobilieneigentümer staatliche Förderprogramme. Das Vorzeigeprojekt „Yarısı Bizden” (zu Deutsch: „Die Hälfte übernehmen wir”) gewährt Eigentümern direkte Zuschüsse von bis zu 875.000 Türkischen Lira sowie eine Umzugshilfe in Höhe von 125.000 Lira. Ergänzt wird das Paket durch langfristige, zinsgünstige Darlehen zur Deckung der verbleibenden Baukosten.
Die finanzielle Unterstützung hat einen Ansturm der Anwohner zur Folge gehabt. In nahezu allen Stadtteilen Istanbuls finden derzeit gleichzeitig Abriss- und Bauprojekte statt. Straßenzüge sind gesäumt von schwerem Gerät, Betonmischern und Baugerüsten, während ältere Wohnblöcke mit fünf bis acht Stockwerken abgetragen werden, um Platz für moderne, erdbebensichere Gebäude zu machen.
Seit dem Inkrafttreten des Stadterneuerungsgesetzes im Jahr 2012 – als Reaktion auf eine Serie verheerender Erdbeben in der Region – wurden landesweit mehr als 2,7 Millionen eigenständige Wohn- und Gewerbeeinheiten in das Sanierungsprogramm aufgenommen. Fast 1,3 Millionen davon entfallen allein auf Istanbul. Rund eine Million Einheiten sind bereits fertiggestellt, Hunderttausende befinden sich derzeit im Bau.
Der rasante Abriss bringt für die Stadtbewohner jedoch auch erhebliche Belastungen mit sich: Lärm, Staub und Verkehrsbehinderungen gehören vielerorts zum Alltag. Zwar betonen Behördenvertreter die Notwendigkeit der Maßnahmen, mahnen aber gleichzeitig zur Vorsicht. Hakan Şişik, der Präsident des Bauunternehmerverbands der anatolischen Seite (AYİDER), warnt vor den Risiken der Arbeiten in der dicht besiedelten Stadt.
„Ein Gebäude in wenigen Minuten abzureißen, mag ein technologischer Fortschritt sein. Der wahre Erfolg liegt jedoch darin, es abzureißen, ohne Menschen, Umwelt oder Natur zu schädigen.“ „Aus diesem Grund sollten bei Abbrucharbeiten nicht Geschwindigkeit oder Kosten, sondern die menschliche Gesundheit, die Umweltsicherheit und die Nachhaltigkeit im Vordergrund stehen.“