Die Türkei erlebt derzeit eine dramatische Neuordnung ihres Online-Handels. Nach einer Reihe fiskalischer Eingriffe der Regierung haben die chinesischen Giganten Temu und Shein ihre Geschäfte im Land massiv zurückgefahren. Diese Entwicklung hat laut Branchenangaben zwei Seiten: Einerseits können heimische Plattformen mit einem Umsatzschub von schätzungsweise 1,5 Milliarden US-Dollar rechnen, andererseits warnen Experten vor möglichen inflationären Effekten für Verbraucher.
Die als „Ultra-Low-Cost“-Anbieter bekannten Plattformen reagierten damit auf verschärfte steuerliche Rahmenbedingungen. Shein hat den Verkauf in der Türkei vorläufig ausgesetzt. Temu hat grenzüberschreitende Lieferungen eingestellt und bietet auf seiner Plattform nun nur noch Waren von lokalen Lieferanten und Händlern an. Damit endet für viele vor allem junge und preisbewusste Käufer eine Ära des extrem günstigen Online-Shoppings.
„Die Importeure billiger Produkte werden nun über inländische Plattformen verkaufen. Allerdings sind einige Preiserhöhungen wahrscheinlich, da das Verschwinden des direkten Preisdrucks Raum für höhere Margen schafft“, kommentierte Seyhun Özkara, Mitglied des E-Commerce-Rates der Türkischen Union der Kammern und Warenbörsen (TOBB), die ambivalente Lage. Dies könne inflationäre Wirkungen entfalten.
Hintergrund sind schrittweise Verschärfungen der Zollbestimmungen. Nach der Senkung der zollfreien Einkaufsgrenze für Privatpersonen von 150 auf 30 Euro im August 2024 und der Einbeziehung der Versandkosten in diese Grenze Ende Dezember 2024 setzte die Regierung mit einem Dekret vom 7. Januar 2026 den Schlusspunkt: Die Zollfreigrenze wurde komplett abgeschafft. Diese Regelung trat am 6. Februar 2026 in Kraft.
Laut Özkara erreichte Temu 2024 ein Transaktionsvolumen von 43 Milliarden Türkischen Lira, welches 2025 um 40 Prozent auf 60 Milliarden Lira stieg. Durch die neuen Restriktionen werden schätzungsweise 1,5 Milliarden Dollar an Umsätzen auf Unternehmen verlagert, die Waren importieren und über lokale Marktplätze vertreiben. Auch die Nachfrage nach vollständig inländisch produzierten Alternativen dürfte steigen.
Diese Entwicklung wird den Wettbewerb sowohl im E-Commerce als auch im stationären Handel nachhaltig verändern. Während Teile der Wirtschaft die Maßnahmen als „Wettbewerbsausgleich“ begrüßen, stehen für viele Verbraucher der Verlust der günstigsten Shopping-Optionen im Vordergrund.