Im Schatten fehlender staatlicher Kaufanreize und der Bevorzugung der EU-Märkte durch die Hersteller hat sich die Türkei an die Spitze der europäischen Elektromobilität katapultiert. Im laufenden Jahr ließ das Land etablierte Automobilnationen wie Italien, Spanien und Belgien hinter sich und stieg zum viertgrößten Markt für reine Elektroautos in Europa auf.
Laut aktuellen Daten des europäischen Herstellerverbands ACEA und des türkischen Branchenverbands ODMD stiegen die Verkäufe vollelektrischer Pkw in der Türkei in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 um 28,2 Prozent auf 54 463 Einheiten. Damit überholte die Türkei im Ranking der größten europäischen E-Auto-Märkte Italien, Spanien und Belgien. Nur Deutschland (223 980 Einheiten), das Vereinigte Königreich (176 698) und Frankreich (148 299) verzeichnen höhere Absatzzahlen.
Besonders bemerkenswert ist dieser Sprung angesichts der Rahmenbedingungen. Anders als in den meisten EU-Staaten existieren in der Türkei derzeit keine direkten Kaufprämien für Elektroautos. Gleichzeitig priorisieren europäische Hersteller aufgrund strenger CO₂-Emissionsziele die Auslieferung ihrer begrenzten E-Auto-Kontingente überwiegend in die Europäische Union. Trotz dieser künstlichen Angebotsverknappung blieb die türkische Nachfrage unvermindert hoch. Branchenexperten gehen daher davon aus, dass das Land bei einer ungedrosselten Belieferung mit einer neuen Modellpalette in der europäischen Rangliste weiter nach oben klettern könnte.
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist der heimische Hersteller Togg. Nahezu jedes vierte in der Türkei verkaufte Elektroauto (rund 25 Prozent) entfiel im Berichtszeitraum auf die nationale Marke.
Gesamtmarkt schrumpft – E-Anteil wächst
Während der reine Elektroantrieb boomt, zeigt sich auf dem türkischen Gesamtmarkt für Pkw ein differenziertes Bild. In der Periode Januar bis April 2026 schrumpfte der gesamte Automobilabsatz um 5,9 Prozent auf 290 870 Fahrzeuge. Dennoch konnte die Türkei ihre Position als sechstgrößter Automarkt Europas behaupten – hinter Spanien (407.000 Fahrzeuge), Frankreich (539.000 Fahrzeuge), Italien (639.000 Fahrzeuge), dem Vereinigten Königreich (764.000 Fahrzeuge) und dem Spitzenreiter Deutschland (948.000 Fahrzeuge).
Entgegen dieser Entwicklung zeigt der europäische Gesamtmarkt einen Aufwärtstrend. Die Pkw-Zulassungen legten um 4,8 Prozent auf rund 4,6 Millionen Fahrzeuge zu. Im gleichen Zeitraum wuchs der Markt für Elektroautos in Europa um 29 Prozent auf 978 845 Einheiten.
Chinesische Offensive in Europa – Türkei abgeschottet
Während die türkische E-Mobilität hauptsächlich durch einheimische und westliche Marken vorangetrieben wird, erleben europäische Märkte eine Machtverschiebung durch chinesische Hersteller. Laut der Statistik des europäischen Automobilverbandes ACEA waren die drei wachstumsstärksten Marken in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 die chinesischen Konzerne Leapmotor, Chery und BYD. Dahinter rangiert der US-amerikanische Hersteller Tesla, der nach einem schwachen Vorjahr wieder an Schwung gewinnt.
In der Türkei hingegen spielen chinesische Fabrikate aufgrund regulatorischer Hürden und zusätzlicher Schutzzölle weiterhin eine untergeordnete Rolle auf dem heimischen Markt. In Europa konnten hingegen Volumenhersteller wie Volkswagen und der Stellantis-Konzern zulegen, während Marken wie Porsche, Cupra und Alfa Romeo teils deutliche Rückgänge verzeichnen mussten.