Ein digitaler Fingerabdruck für T-Shirts und Jeans könnte die Machtverhältnisse im globalen Textilhandel verändern. Während die Europäische Union mit dem Digitalen Produktpass eine beispiellose Transparenzoffensive plant, sieht die türkische Bekleidungsindustrie darin keine bürokratische Hürde, sondern eine historische Chance, asiatische Konkurrenten abzuhängen.
Das Instrument, das in die Ziele des europäischen Green Deals eingebettet ist, fungiert als lückenlose digitale Identität für jedes Kleidungsstück. Vom Baumwollfeld bis zur Ladenkasse soll der Pass alle relevanten Umweltdaten in einem Datensatz bündeln. Künftig können Verbraucher und Zollbehörden per QR-Code am Produkt abrufen, woher die Rohstoffe stammen, wie hoch der Wasser- und Energieverbrauch war und wie es um die CO₂-Bilanz und die Recyclingfähigkeit bestellt ist.
Die Textilbranche des Landes, das als einer der wichtigsten Bekleidungslieferanten Europas gilt, bereitet sich mit Hochdruck vor. „Entgegen der landläufigen Meinung ist der digitale Produktpass ein Vorteil für den türkischen Bekleidungssektor”, erklärte Çağlar Bağcı, Präsident der Vereinigung der ägäischen Konfektions- und Bekleidungsexporteure. Während die Anpassung für türkische Hersteller zu bewältigen sei, werde sie für Wettbewerber in Fernost, Bangladesch, Vietnam oder China ungleich schwerer.
Bağcı zufolge finden derzeit Schulungen und Seminare für die Produzenten statt. Ein spezielles Projekt zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit (UR-GE) soll den Unternehmen bei der Umsetzung helfen. Das System verlangt eine strikte Rückverfolgbarkeit, die direkt beim Baumwollanbau ansetzt. Was aktuell wie ein Nachteil wirkt, wird sich dank der Anpassungsfähigkeit der Branche künftig als Trumpf bei Exporten und der Kundengewinnung erweisen.
Unternehmen, die den Anschluss verpassen, drohen hingegen finanzielle Einbußen. Der Verbandschef warnt vor Zusatzsteuern und Mehrkosten, die die EU bei fehlendem Pass erheben wird. Zwar drohe keine zwingende Zurückweisung an der Grenze, doch seien die Produkte dann nicht mehr wettbewerbsfähig. „Mittelfristig wird kein Unternehmen ohne diesen Produktpass am Markt überleben können“, sagte Bağcı. Zunächst würden große Konzerne und Hauptabnehmer die Regel umsetzen, bevor sie innerhalb von drei bis fünf Jahren die gesamte Branche durchdringe.
Noch sieht die heimische Industrie allerdings Nachholbedarf. Yasin Akçakaya, der Vorstandsvorsitzende des Ägäischen Bekleidungsherstellerverbands, beobachtet, dass die Branche derzeit noch nicht vollständig bereit ist, auch wenn sich die Software-Infrastruktur rasant entwickelt. Es sei von kritischer Bedeutung, dass die Unternehmen die Kontrolle über jede einzelne Produktionsstufe gewinnen und umgehend ihre Strategie festlegen.