Nach Einschätzung der Commerzbank steht die türkische Lira vor einer erneuten Belastungsprobe. In einer aktuellen Kundenanalyse zeichnet Ökonom Tatha Ghose ein düsteres Bild: Die Kombination aus hoher Inflation und der mangelnden Bereitschaft der Zentralbank, die Geldpolitik weiter zu straffen, dürfte den Abwertungsdruck auf die Währung weiter erhöhen.
Zwar signalisierten die jüngsten Daten für Juni eine leichte Entspannung bei den Preisen, doch externe Schocks drohten diesen zarten Fortschritt bereits wieder zunichte zu machen. Insbesondere der zuletzt eskalierte Konflikt zwischen den USA und dem Iran habe die Ölpreise in die Höhe getrieben und damit die kurzfristige Entlastung des Vormonats zunichte gemacht, so Ghose.
Eigentlich, so der Commerzbank-Experte, müsste dieser neue Kostendruck an den Devisenmärkten die Forderung nach weiteren Zinserhöhungen laut werden lassen – oder zumindest die Erwartung schüren, dass die Leitzinsen über einen längeren Zeitraum auf hohem Niveau verharren. Doch die türkischen Währungshüter schlagen einen anderen Kurs ein. Ghose konstatiert eine wachsende „Diskrepanz” zwischen den Äußerungen der Wirtschaftsführung und den sich verschärfenden globalen Rahmenbedingungen.
Der Analyst hebt kritisch hervor, dass Zentralbankchef Fatih Karahan selbst im aktuellen Umfeld „bereits recht eifrig” darüber diskutiere, wann die Zinsen wieder gesenkt werden könnten. Da die Inflationsdynamik weiterhin zu hoch ist und eine zusätzliche Straffung der Geldpolitik ausbleibt, wird die Lira wohl auch künftig unter Abwertungsdruck bleiben, warnt Ghose.
Unterdessen bemüht sich die türkische Notenbank um Schadensbegrenzung und sendet Signale der Vorsicht. Auf einer Investorenkonferenz am Freitag kündigte Zentralbankchef Karahan an, die Währungshüter würden vor einer Entscheidung über die Wiederaufnahme des geldpolitischen Lockerungszyklus die Inflationsdaten für Juli „sehr genau unter die Lupe nehmen”. Es werde keine übereilten Zinsschritte geben, alle Beschlüsse beruhten vollständig auf der Datenlage, betonte er.
Auch Notenbank-Vize Gazi İshak Kara unterstrich auf derselben Veranstaltung den wachsenden Handlungsdruck. Der zuletzt beobachtete Anstieg der Kerninflation erfordere „maximale Aufmerksamkeit und Vorsicht”. Vor allem mögliche Schocks bei Nahrungsmitteln und Energie könnten den Inflationspfad weiterhin erheblich nach oben drücken, mahnte Kara und plädierte für die Beibehaltung des straffen Kurses.