Nach dem Rückzug aus seinem geplanten Automobilwerk in Manisa hat der chinesische Technologiekonzern BYD still und leise eine neue Front in der Türkei eröffnet. Anstelle von Autos produziert das Unternehmen nun Energiespeichersysteme für den Weltmarkt. In Ankara entsteht derzeit eine Fertigungsstätte für moderne Lithium-Batteriesysteme, die im August den Betrieb aufnehmen soll.
Wie aus Unternehmenskreisen verlautet, realisiert BYD das Vorhaben gemeinsam mit dem türkischen Partner Solinved. Das Werk im organisierten Industriegebiet Polatlı Çekirdeksiz wird auf eine jährliche Produktionskapazität von fünf Gigawattstunden ausgelegt sein. Für die erste Ausbaustufe sind Investitionen von 100 Millionen Lira veranschlagt, in einer zweiten Phase soll das Gesamtvolumen auf 250 Millionen Lira anwachsen.
Auf einer überdachten Fläche von 2.500 Quadratmetern sollen künftig Batteriegehäuse, Container-Energiespeicher, Ladesäulen für Elektrofahrzeuge, Solar-Wechselrichter sowie Steuerungstafeln für Solarantriebe gefertigt werden. Die in der türkischen Hauptstadt produzierten Komponenten sind sowohl für den heimischen Markt als auch für den Export bestimmt.
Der Strategiewechsel erfolgt nur wenige Monate nach einem Paukenschlag in der türkischen Automobilpolitik. Im Juli 2024 hatte BYD im Dolmabahçe-Palast in Istanbul mit großem politischen Zeremoniell eine Absichtserklärung für eine Autofabrik in Manisa unterzeichnet. Das Volumen des Projekts wurde auf eine Milliarde Dollar beziffert und es wurden bis zu 5.000 direkte Arbeitsplätze angekündigt. Kurz zuvor hatte die türkische Regierung eine zusätzliche 40-prozentige Sondersteuer auf in China produzierte Fahrzeuge eingeführt, von der investierende Hersteller per Präsidialdekret ausgenommen wurden.
Doch dann vollzog BYD eine Kehrtwende. Das Unternehmen erklärte Ungarn zum vorrangigen Standort in Europa. BYD-Vizepräsidentin Stella Li stellte dazu lapidar fest: „Unsere Nummer-eins-Priorität ist derzeit Ungarn. Unsere zweite Priorität wird es sein, einen weiteren Produktionsstandort in Europa zu finden.“ Der geplante Baubeginn in Manisa Ende 2026 ist damit hinfällig. Während die Autosparte in Richtung Osteuropa steuert, baut BYD in der Türkei nun ein zweites, energiepolitisches Standbein auf.