Akkuyu: Erster Reaktor soll Ende 2026 Strom liefern – Russland zeigt Interesse an weiteren Standorten

09.09.2026 – 7:00 Uhr

Die Türkei drückt beim umstrittenen Atomkraftwerk Akkuyu aufs Tempo. Energieminister Alparslan Bayraktar hat nun ein konkretes Datum genannt. Noch vor Ende 2026 soll der erste Reaktor der Anlage in der Provinz Mersin erstmals Strom ins türkische Netz liefern. Während die Tests auf Hochtouren laufen, macht Russland offenbar bereits Ansprüche auf die nächsten Großprojekte geltend.

Nach Angaben des Ministers befindet sich der erste Block derzeit in der entscheidenden Testphase. „Wir wollen die Tests Schritt für Schritt abschließen und den ersten Reaktor bis Ende 2026 in Betrieb nehmen. Unser Ziel ist es, den Strom bis zum Jahresende zu produzieren“, wird Bayraktar von türkischen Medien zitiert. Die Bauarbeiten an dieser Einheit waren bereits im Juni für abgeschlossen erklärt worden. Zuletzt wurde der Beladungsprozess mit 163 Brennelement-Attrappen geprobt.

Der Zeitplan ist indes nicht neu, sondern eine erneute Korrektur: Ursprünglich sollte der erste der vier Reaktoren bereits 2023, zum 100. Jahrestag der Republik, ans Netz gehen. Dieses Ziel hat die Regierung in Ankara jedoch mehrfach verfehlt. Gründe dafür waren unter anderem die Pandemie, gestiegene Rohstoffpreise und explodierende Baukosten. Auch die kalkulierten Gesamtkosten von einst rund 20 Milliarden Dollar sind laut Ministerium längst überholt.

Vier Reaktoren, 60 Jahre Laufzeit – und eine russische Firma als Eigentümerin

Akkuyu ist ein Prestigeprojekt mit einer besonderen Konstruktion: Es handelt sich um das erste Atomkraftwerk der Welt, das nach dem Prinzip „Build-Own-Operate“ (Bau, Besitz, Betrieb) vollständig von einem ausländischen Staatskonzern umgesetzt wird. Gebaut und betrieben wird die Anlage vom russischen Staatsunternehmen Rosatom. Die Anlage bleibt damit in russischem Eigentum.

Es sind vier Blöcke der russischen Bauart WWER-1200 mit einer Leistung von jeweils rund 1.200 Megawatt geplant. Wenn das Kraftwerk vollständig läuft, soll es rund 4.800 Megawatt liefern – genug, um etwa zehn Prozent des türkischen Strombedarfs zu decken. Allein der erste Reaktor soll 2 bis 2,5 Prozent des nationalen Verbrauchs decken. Die geplante Betriebsdauer liegt bei 60 Jahren mit einer Option auf weitere 20 Jahre.

Im Gegenzug hat sich Ankara verpflichtet, einen Großteil des erzeugten Stroms zu einem garantierten Preis abzunehmen. Für die ersten beiden Reaktoren gilt eine Abnahmegarantie von 70 Prozent der Produktion, für die Blöcke drei und vier von 30 Prozent – jeweils für 15 Jahre zu einem Durchschnittspreis von 12,35 US-Cent pro Kilowattstunde. Nach Ablauf der Garantiezeit soll Rosatom zudem 20 Prozent des jährlichen Nettogewinns an den türkischen Staat abführen.

Russland zeigt Interesse an Sinop und Thrakien

Doch Akkuyu soll offenbar erst der Anfang sein. Minister Bayraktar deutete an, dass Russland seine in der Türkei gewonnene Erfahrung nun auch auf die nächsten Projekte übertragen will. Demnach hat Rosatom Interesse signalisiert, sowohl am geplanten zweiten Standort in Sinop an der Schwarzmeerküste als auch an einem möglichen dritten Kraftwerk in Thrakien mitzuwirken.

Die türkische Regierung verhandelt für diese Standorte eigenen Angaben zufolge jedoch nicht exklusiv mit Moskau. Auch China, Südkorea und Kanada sind laut Bayraktar im Rennen. Sollte der ehrgeizige Ausbauplan der Regierung aufgehen, will die Türkei zusätzlich zu den vier Blöcken in Akkuyu acht weitere Großreaktoren errichten und damit insgesamt zwölf Atommeiler betreiben.