Türkei: Schmelzender Gletscher am Ararat gefährdet Dörfer

19.09.2026 – 12:00 Uhr

Die Eiskappe des Ararat im Osten der Türkei ist deutlich geschrumpft. Experten warnen vor zunehmenden Schlammlawinen und Gletscherabbrüchen in den umliegenden Tälern.

Der Gletscher auf dem 5.137 Meter hohen Ararat ist von rund 15 auf etwa fünf Quadratkilometer zurückgegangen. Satellitenmessungen zeigen zudem, dass sich die vergletscherten Täler des Berges von einer Höhe von rund 3.600 Metern Anfang des 20. Jahrhunderts auf inzwischen etwa 4.900 Meter zurückgezogen haben.

Faruk Kaya, Professor am Fachbereich Geografie der Ağrı İbrahim Çeçen Universität, sieht darin ein zunehmendes Risiko für die umliegenden Siedlungen. Er verwies auf einen schweren Gletscherabbruch am 26. August an der Nordflanke des Langtang Lirung an der Grenze zwischen Nepal und Tibet. Dabei kamen nach seinen Angaben mehr als 1.000 Menschen ums Leben, während fast 5.000 weitere vermisst wurden.

Katastrophe von 1840 als Warnung

Auch am Ararat kam es bereits zu einer verheerenden Naturkatastrophe. Im Jahr 1840 zerstörte eine Schlammlawine das Dorf Ahura im Tal Cehennem Deresi im Nordosten des Berges.

Kaya bezeichnete das Ereignis als die bekannteste durch einen Gletscher ausgelöste Katastrophe in der Geschichte der Türkei. Eine 2019 veröffentlichte Studie in der Fachzeitschrift Geomorphology diskutierte verschiedene Erklärungen für das Unglück. Zu den Theorien gehören eine rund 21 Kilometer lange Fels-Eis-Lawine sowie ein durch ein Erdbeben ausgelöstes schnelles Abschmelzen von Schnee und Eis, möglicherweise in Verbindung mit vulkanischer Aktivität.

Historischen Quellen zufolge lag die Zahl der Todesopfer zwischen 1.300 und 1.700. Ahura, eine bis ins 8. Jahrhundert zurückreichende Siedlung, wurde vollständig zerstört. Die Bewohner bauten das Dorf jedoch bald wieder auf. Heute trägt es den Namen Yenidoğan.

Schlammlawinen treten wiederholt auf

Auch in jüngerer Zeit kam es in dem Gebiet zu ähnlichen Ereignissen. Im Juni 2021 wurde das Tal von einer durch Gletscherschmelze ausgelösten Schlammlawine getroffen. Am 30. Juli 2026 folgten erneut Schlammlawinen, die durch schmelzendes Eis ausgelöst wurden.

Nach Einschätzung von Kaya entwickeln sich plötzlich auftretende Schmelzwasser- und Schlammlawinen in den Tälern rund um den Ararat zunehmend zu einem wiederkehrenden Phänomen während der Sommermonate.

Auch Ereignisse aus den Jahren 1921 und 1926 zeigten, dass die Eismassen des Gipfels ein Risiko darstellen. Kaya fordert deshalb eine systematische Überwachung der Gletscher per Satellit sowie regelmäßige Untersuchungen vor Ort.

Dabei sollten auch andere vergletscherte Berge der Türkei wie Cilo, Süphan und Kaçkar einbezogen werden. Ziel müsse es sein, Veränderungen an den Hängen frühzeitig zu erkennen und Siedlungen in der Nähe von Flussbetten bei Bedarf rechtzeitig zu evakuieren.

Klimawandel beschleunigt Gletscherschwund

Der Ararat ist mit 5.137 Metern der höchste Berg der Türkei. Experten erwarten zwar keine Gletschersee-Ausbrüche in einer Größenordnung wie im Himalaya. Der Klimawandel beschleunigt jedoch den Rückzug des Eises und kann das Risiko von Fels- und Eisabbrüchen erhöhen.

Damit verändert sich auch das Gefahrenprofil für die Bergregionen und die dort lebenden Gemeinden. Internationale Katastrophen wie das Unglück von Chamoli in Indien im Jahr 2021 zeigen, welche Folgen das Zusammenspiel von Gletscherschmelze, instabilen Hängen und extremen Naturereignissen haben kann.