Ein unbestätigter Fund in der Osttürkei sorgt für internationales Aufsehen und wirtschaftliche Aktivitäten. Die sogenannte Durupınar-Formation am Fuße des Berges Ağrı wird seit Jahrzehnten als möglicher Ort der biblischen Arche Noah gehandelt und zieht zahlreiche Touristen an, obwohl es bislang keine wissenschaftlichen Belege für die Existenz des Schiffes gibt.
Internationale Reiseveranstalter vermarkten luxuriöse Expeditionspakete zu der bootsförmigen Struktur zwischen den Dörfern Telçeker und Üzengili im Bezirk Doğubayazıt. Die Preise für die zwölftägigen Touren erreichen bis zu 3.600 Dollar pro Person. Neben der Formation stehen auch Stätten wie der İshak-Paşa-Palast, die Burg von Van samt Museum, Urfa und Göbeklitepe auf dem Programm – wobei viele dieser Orte keine biblischen Bezüge aufweisen.
Die Touren finden statt, obwohl die wissenschaftliche Auswertung der jüngsten Untersuchungen noch andauert. Im Rahmen des „Noah’s Ark Research Project“ hatte ein Forscherteam unter der Leitung von Professor Cenker Atila von der Literatur- und Archäologischen Fakultät der Universität Sivas Cumhuriyet mit 20 Wissenschaftlern aus fünf Ländern die Formation untersucht. Die Gruppe erstellte Drohnenmodelle des Geländes, scannte den Untergrund mit Radar und entnahm 1.000 Bodenproben für Laboranalysen sowie Kernbohrungen.
Der stellvertretende Projektleiter Andrew Jones bezeichnete es als wichtigsten Befund, dass es sich bei der Struktur nicht um einen monolithischen Felsblock handele. Trotz großer Felsbrocken habe die Bohrmaschine kontinuierlich Bodenproben gefördert. „Einige Leute behaupteten, dies sei eine natürliche Formation, ein monolithischer Fels, der durch Erosion über Millionen von Jahren die Form eines Schiffes angenommen habe“, sagte Jones. Die aktuellen Daten ließen jedoch keine endgültige Schlussfolgerung zu. Mithilfe von Tests soll geklärt werden, ob die tief unter der Erde gefundenen, pechschwarzen, organischen Bodenproben verrottetes Holz oder Spuren menschlicher Aktivität darstellen. „Dies könnte eine natürliche Formation oder eine von Menschen geschaffene Struktur sein“, so Jones.
Professor Atila wandte sich kürzlich gegen Behauptungen in den sozialen Medien, die Existenz der Arche sei zu 100 Prozent bewiesen. „Obwohl wir noch nicht zu einem endgültigen Ergebnis gelangt sind, haben wir erstaunliche Daten gewonnen“, sagte er. Die Ergebnisse sollen demnächst in wissenschaftlichen Artikeln veröffentlicht werden.
Kritisch gesehen wird die Vermarktung der Stätte durch kommerzielle Anbieter. So präsentiert die Tourismus-Website eines Veranstalters ein von Atila verfasstes Dokument mit Universitätsbriefkopf als Genehmigungsschreiben und behauptet, die Studie werde in Partnerschaft mit dem Unternehmen und unterstützt von türkischen Institutionen durchgeführt.
Die Durupınar-Formation wurde 1959 vom türkischen Kartografen İlhan Durupınar entdeckt und erregt wegen ihrer auffälligen Ähnlichkeit mit einem großen Schiff seit langem internationale Aufmerksamkeit. Geologen halten die Struktur für eine natürliche Kalksteinformation, die durch Erdrutsche entstanden ist. Kreationistische Gruppen finanzieren derweil immer wieder Expeditionen in der Hoffnung, biblische Artefakte am Berg zu finden.