Fettah Tamince fordert einen grundlegenden Wandel im türkischen Tourismus: Statt immer mehr Betten und Besucherzahlen müsse die Branche auf höhere Einnahmen, Nachhaltigkeit und neue Reiseziele im ganzen Land setzen.
Der türkische Tourismus brauche eine neue Vision und eine neue Geschichte, nicht noch mehr Hotels. Das betonte Fettah Tamince, Vorstandsvorsitzender der Rixos Hotels, bei der Veranstaltung ATF in einem Vortrag über die internationale Entwicklung des türkischen Tourismus. Das bisherige Geschäftsmodell, immer mehr Besucher anzuziehen und neue Hotels zu eröffnen, funktioniere nicht mehr, warnte der Unternehmer.
Tamince blickte auf die Anfänge des türkischen Tourismus vor rund 40 Jahren zurück. Als er 1986 in die Branche einstieg, habe das Land über attraktive Städte, schöne Küsten, Wälder und eine gastfreundliche Atmosphäre verfügt. Gleichzeitig fehlte es vielerorts an grundlegender Infrastruktur wie Flughäfen, Wasserversorgung, Strom und Kläranlagen. Heute verfüge die Türkei über moderne Flughäfen, hochwertige Hotelanlagen und international bekannte Tourismusmarken. Dafür habe das Land allerdings einen hohen Preis bezahlt: Viele Städte hätten ihren ursprünglichen Charme verloren, die Luftverschmutzung habe zugenommen.
„Wir müssen eine neue Geschichte schreiben“, sagte Tamince. Die Türkei sei inzwischen kein Land mehr mit billigen Arbeitskräften und unberührten Stränden. Gleichzeitig schrumpfe die junge Bevölkerung, während die Geburtenrate sinke. Die Branche müsse deshalb ihr Geschäftsmodell grundlegend überdenken.
Weniger Gäste, mehr Einnahmen
Als Beispiel für eine breitere Verteilung des Tourismus nannte Tamince Italien. Dort profitiere nicht nur eine einzelne Stadt vom Fremdenverkehr, sondern das ganze Land. In der Türkei hingegen konzentriere sich der Tourismus an den Küsten auf eine Saison von etwa vier Monaten. Auch die Proteste gegen den Massentourismus in Barcelona zeigten, dass ein unbegrenztes Wachstum der Besucherzahlen keine zukunftsfähige Strategie sei.
Tamince sieht zudem wachsende Konkurrenz aus dem Ausland. Vietnam wolle mit staatlicher und privater Unterstützung innerhalb von vier Jahren eine Entwicklung erreichen, für die die Türkei und Spanien vier Jahrzehnte gebraucht hätten. Ägypten könne dank seines kulturellen Erbes und seiner ganzjährigen touristischen Möglichkeiten schon bald zur Türkei aufschließen und strebe langfristig 100 Millionen Besucher an. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar investierten dort in große Tourismusprojekte. Saudi-Arabien wiederum habe am Roten Meer umfangreiche Investitionen angestoßen und werde in den kommenden drei bis vier Jahren zu einem der wichtigsten Akteure der Branche aufsteigen.
Die Türkei dürfe diese Entwicklung nicht unterschätzen. Andere Länder planten und handelten bereits, während die türkische Branche noch über neue Konzepte diskutiere.
Gesundheit, Nachhaltigkeit und neue Reiseziele
Für die Zukunft müsse die Türkei ihre touristischen Angebote stärker differenzieren. Tamince sieht insbesondere Potenzial im Gesundheitstourismus und bei nachhaltigen Angeboten. Antalya könne beispielsweise mit gesunden regionalen Lebensmitteln punkten. Warum sollten Urlauber nicht gezielt kommen, um besonders hochwertige und gesunde Tomaten zu genießen, fragte er sinngemäß.
Auch die saisonale Ausrichtung müsse sich ändern. Es könne nicht das Ziel sein, dass die Hochsaison in Antalya weiterhin vor allem im Juli und August liege. Stattdessen müsse die Branche prüfen, wie sich die Nachfrage auf andere Monate verlagern lasse. Tamince verwies zudem auf die Landschaften und Regionen jenseits der Küsten: die Hochlandgebiete am Schwarzen Meer und die Steppen Anatoliens böten Möglichkeiten, den Tourismus im ganzen Land auszubauen.
Als Gegenbeispiel zur Konzentration auf die Küstenhotellerie nannte er Saklıkent bei Antalya: Dort könne ein neues Hotel durchaus sinnvoll sein. In Antalya selbst brauche es dagegen weder weitere Hotels noch eine bloße Vergrößerung bestehender Anlagen. Auch die historische Altstadt Kaleiçi werde touristisch nicht ausreichend genutzt und gepflegt, kritisierte Tamince.
Die Branche müsse außerdem stärker auf den Fachkräftemangel reagieren. In fünf Jahren werde es nach seiner Einschätzung schwierig sein, genügend Beschäftigte für die Hotels zu finden. Auch ausländische Arbeitskräfte könnten dann nicht mehr ohne Weiteres in der heutigen Zahl angeworben werden.
„50 Millionen Touristen, 100 Milliarden Dollar“
Tamince warnte davor, dass sich Hotels und Reiseangebote zu stark ähnelten. Wer immer wieder dieselben Anlagen baue und dieselben Konzepte kopiere, werde den wirtschaftlichen Erfolg der Branche nicht dauerhaft steigern. Erfolgreiche Marken hätten 2026 höhere Preise durchsetzen können, während andere Betriebe stärker unter Druck geraten seien. Langfristig reiche aber auch das nicht aus, wenn die Branche ihre Angebote nicht grundlegend weiterentwickle.
Sein wirtschaftliches Ziel formulierte Tamince deutlich: Statt 100 Millionen Touristen und 100 Milliarden US-Dollar Einnahmen solle die Türkei auf 50 Millionen Besucher kommen, die zusammen 100 Milliarden Dollar einbringen. Entscheidend sei also nicht allein die Zahl der Gäste, sondern der Wert, den der Tourismus für das Land schaffe.
Die Rixos-Gruppe selbst expandiere bereits international. Neben Rixos gehörten auch The Land of Legends und die Marke Aliee zu ihren Wachstumsplänen. Zahlreiche Länder seien bereit, Investitionen durch Unterstützung und die Bereitstellung von Grundstücken zu erleichtern. Zugleich plädierte Tamince dafür, türkische Hotelanlagen stärker für internationale Investoren und Kapitalmärkte zu öffnen. Weltweit investierten große Fonds jährlich 60 bis 70 Milliarden Dollar in den Tourismus. Die Türkei müsse ihre Betriebe darauf vorbereiten, von diesem Kapital zu profitieren.
Sein Fazit: Die Branche müsse ihre Komfortzone verlassen, sich stärker unterscheiden und den Tourismus über die bekannten Küstenregionen hinaus im ganzen Land entwickeln.