Wird Mersin zum neuen Antalya für russische Touristen?

30.11.2025 – 8:00 Uhr

Während in der Türkei heftig über die Zukunft des „All-inclusive“-Modells diskutiert wird, rückt Mersin zunehmend in den Fokus russischer Urlauber – und entwickelt sich nach Einschätzung von Branchenexperten zu einer echten Alternative zu Antalya.

Laut dem russischen Branchenverband ATOR erklärte Mersins Provinz-Kultur- und Tourismusdirektor Hakan Doğanay, dass die Stadt aktuell über 610 lizenzierte Beherbergungsbetriebe mit insgesamt 43.000 Betten verfügt. Weitere 28 Hotels sind im Bau. Zwischen Januar und Oktober 2025 besuchten 2,1 Millionen Touristen die Region – ein Plus von 17 Prozent. Die Hotelauslastung sei ganzjährig um rund 25 Prozent gestiegen.

Mersin setzt sich ehrgeizige Ziele: Bis 2025 sollen 2,5 Millionen, bis 2027 sogar 5 Millionen Besucher empfangen werden. Mindestens 20 Prozent davon – etwa eine Million Gäste – könnten aus Russland kommen. Zum Vergleich: Antalya empfing im selben Zeitraum rund 4 Millionen russische Urlauber.

Warum Mersin attraktiver wird

Die Region bietet laut Experten acht Monate Badesaison, ein wachsendes Angebot an modernen Resorts und eine stetig wachsende russischsprachige Community. Hintergrund ist der Bau des Akkuyu-Atomkraftwerks, in dessen Umfeld bereits 5.000 bis 5.500 Russischsprachige dauerhaft leben. Dazu kommen drei wöchentliche Aeroflot-Flüge aus Moskau, die die Erreichbarkeit erleichtern.

Tourismuskoordinator Orhan Sancar (PEGAS Touristik) erinnert daran, dass Mersin touristisch sogar früher erschlossen wurde als Antalya oder Alanya. Mit dem geplanten neuen Flughafen und staatlichen Investitionsanreizen könne die Region in den kommenden fünf bis zehn Jahren einen „massiven Sprung“ machen. Andere Branchenkenner bleiben zurückhaltender: Ob Mersin wirklich zum Hype wird, müsse sich erst zeigen.

Große Investitionen – auch aus Russland

Derzeit entstehen in ausgewiesenen Tourismuszonen zahlreiche neue Projekte, für die Investoren Grundstücke für 49 Jahre kostenlos pachten können. Neben zwei größeren russischen Initiativen, deren Namen nicht genannt wurden, investieren auch Gloria Hotels & Resorts sowie Marriott in neue Anlagen auf der Tisan-Halbinsel.

All-inclusive oder nicht?

Umstritten ist, ob Mersin in großem Stil auf „All inclusive“ setzen soll. Während Antalya stark von diesem Modell profitiert, möchten viele lokale Akteure Mersins Identität bewahren.

Sancar betont, dass die meisten Hotels auf BB (Übernachtung/Frühstück) bzw. HB (Halbpension) setzen sollen. Das All-inclusive-Modell sei nur vereinzelt vorgesehen. „All inclusive würde die lokale Kultur zerstören“, sagt er.

Gleichzeitig planen einige neue Resorts – darunter die Projekte von Variyet und Marriott – dennoch All-inclusive-Angebote, was die Diskussion weiter anheizt.

Mersins Trumpf: Gastronomie und Lage

Besonders hervorgehoben wird die authentische Küche: Tarsus-Kebab, Tantuni, Mersin-Börek oder fındıklı macun gelten als starke touristische Anziehungspunkte. Zudem ermöglicht die Lage Mersins, die Region problemlos in Kultur- und Rundreiseprogramme einzubinden – etwa kombiniert mit Kappadokien.