Kaum eine andere Region der Welt vereint die Spuren der Menschheitsgeschichte so dicht wie die Türkei. Von den Anfängen der Zivilisation im Neolithikum über die Blütezeit der griechischen und römischen Antike bis hin zu byzantinischen und osmanischen Monumenten ist das Land ein Freilichtmuseum globalen Ranges. Das Magazin National Geographic hat nun eine Liste der zehn bemerkenswertesten antiken Stätten zusammengestellt, die Besucher nicht verpassen sollten.
1. Göbeklitepe
Göbeklitepe wurde in den 1990er Jahren nahe Şanlıurfa entdeckt und erschütterte die Grundfeste der Archäologie. Die auf etwa 9.600 v. Chr. datierte neolithische Tempelanlage gilt als die älteste ihrer Art weltweit. Der Fund widerlegt die bisherige Lehrmeinung, wonach sesshaftes Leben und Ackerbau die Voraussetzungen für organisierte Religion und monumentale Architektur waren. Göbeklitepe zeigt stattdessen, dass komplexe Rituale und soziale Kooperation dem Bau dauerhafter Siedlungen vorausgingen. Die Anlage ist etwa 20 Fahrminuten von Şanlıurfa entfernt, das täglich von Istanbul aus angeflogen wird.
2. Nemrut Dağı
Auf 2.314 Metern Höhe in der Provinz Adıyaman thront das Vermächtnis von König Antiochos I., dem Herrscher des Kommagene-Reiches. Er ließ im ersten Jahrhundert v. Chr. eine gewaltige Grabstätte mit monumentalen Statuen errichten. Die teils noch immer gut erhaltenen Kolossalbüsten, die kopflos im Geröll liegen, zeigen den König in Gesellschaft griechischer und persischer Gottheiten sowie Adler- und Löwenfiguren. Die Stätte liegt 90 Minuten vom Zentrum Adıyamans entfernt und ist über den örtlichen Flughafen erreichbar.
3. Ephesos
Die bis ins 10. Jahrhundert v. Chr. zurückreichende Metropole Ephesos ist eine der meistbesuchten antiken Stätten der Türkei. Allein die Besichtigung des monumentalen römischen Theaters und der hellenistischen Tempel kann einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. Für das frühe Christentum ist der Ort von zentraler Bedeutung: Hier wirkte der Apostel Paulus drei Jahre lang und die Stadt wird in der Offenbarung des Johannes erwähnt. Die nahegelegene Johannes-Basilika unterstreicht die religionsgeschichtliche Relevanz des Ortes. Von Istanbul aus gelangen Reisende per Flug nach Izmir und von dort aus mit dem Vorortzug (İzban) nach Selçuk.
4. Göreme
Die Region Kappadokien ist untrennbar mit dem frühen Christentum verbunden. Das Göreme Freilichtmuseum nahe dem gleichnamigen Touristenort beherbergt eine Vielzahl byzantinischer Kirchen aus dem vierten Jahrhundert, die in Vulkantuff gehauen wurden. Die leuchtenden Fresken im Inneren sind vielerorts außergewöhnlich gut erhalten. Kappadokien wird täglich von Istanbul aus über Kayseri oder Nevşehir angeflogen.
5. Yerebatan-Zisterne
Im Herzen Istanbuls verbinden sich römische, byzantinische und osmanische Spuren. Die im sechsten Jahrhundert angelegte Yerebatan-Zisterne (auch „Versunkener Palast” genannt) zählt zu den eindrucksvollsten unterirdischen Bauwerken der Stadt. Die Säulenhalle ist vor allem für die zwei kopfüber stehenden Medusenhäupter bekannt, die als Säulenbasis zweckentfremdet wurden. Ihre Herkunft bleibt rätselhaft. Nach einer umfassenden Restaurierung wurde die Zisterne kürzlich mit einer modernen Licht- und Klanginstallation sowie Kunstausstellungen wiedereröffnet. Die Anlage liegt direkt an der Straßenbahnhaltestelle Sultanahmet (Linie T1).
6. Pamukkale und Hierapolis
Der Name „Baumwollschloss“ ist Programm: Schimmernde, weiße Kalksinterterrassen, die mit türkisfarbenem Thermalwasser gefüllt sind, bilden eine natürliche Kulisse. Unmittelbar oberhalb dieser geologischen Sensation liegt die im zweiten Jahrhundert v. Chr. gegründete griechische Stadt Hierapolis. Die Ruinen umfassen monumentale Tore, Tempel und ein beeindruckendes römisches Theater. Für deren Erkundung ist ein ganzer Tag nötig. Der Ort ist 30 Minuten von Denizli entfernt, das täglich von Istanbul aus direkt angeflogen wird.
7. Ani
An den Ufern des Arpaçay-Flusses nahe Kars liegt die historische Stadt Ani. Seit der Eisenzeit besiedelt, stieg die Stätte vor tausend Jahren zur glanzvollen Hauptstadt des armenischen Königreichs der Bagratiden mit rund 100.000 Einwohnern auf. Heute verteilen sich die Ruinen von Kirchen, Kathedralen und mächtigen Stadtmauern auf einer weiten, im Winter schneebedeckten Hochebene direkt an der armenischen Grenze. Sie bieten eine der mystischsten Landschaften des Landes. Kars wird täglich von Istanbul aus angeflogen, alternativ ist die Anreise mit dem 32-stündigen Doğu Ekspresi ab Ankara möglich.
8. Kloster Sümela
Spektakulär an eine steile Felswand in den Bergen der Schwarzmeerregion gebaut, liegt das Kloster Sümela. Die im vierten Jahrhundert gegründete griechisch-orthodoxe Pilgerstätte diente über Jahrhunderte als Ort des Gebets, bevor sie verlassen wurde. Nach umfassenden Restaurierungsarbeiten ist das architektonisch kühne Ensemble wieder für Besucher zugänglich. Die Anlage liegt 45 Minuten vom Zentrum der Provinzhauptstadt Trabzon entfernt, die per Direktflug aus Istanbul erreichbar ist.
9. Akdamar
Akdamar, die zweitgrößte Insel im Vansee, dem größten See der Türkei, beherbergt mit einer 921 errichteten und kürzlich restaurierten Kirche ein bedeutendes Zeugnis armenischer Baukunst. Abseits der sakralen Kunst ist die Insel Heimat einer Population grauer Hasen. Der türkische Schriftsteller Yaşar Kemal trug 1951 maßgeblich dazu bei, den Abriss der historischen Kirche zu stoppen, indem er in der Zeitung Cumhuriyet über das bedrohte Bauwerk berichtete. Der Vansee ist vom Stadtzentrum Vans aus in Kürze erreichbar und die Stadt verfügt über einen Flughafen mit täglichen Verbindungen nach Istanbul.
10. Theodosianische Mauer
Die im fünften Jahrhundert unter Kaiser Theodosius II. errichtete Landmauer von Konstantinopel gilt als eine der bedeutendsten Verteidigungsanlagen der Geschichte. Knapp ein Jahrtausend galt das mehrstufige Wallsystem als uneinnehmbar, bis es im Jahr 1453 der Artillerie von Sultan Mehmed dem Eroberer gelang, die Mauern zu durchbrechen und die Stadt einzunehmen. Auch 1500 Jahre später sind lange Abschnitte der Befestigung erhalten und ziehen sich als nahezu geschlossener Ring um die Altstadt. Jüngste Restaurierungen haben Teile des Denkmals konserviert. Der einfachste Zugang erfolgt über die Marmaray-Haltestelle Kazlıçeşme.